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Business-Coach Jürgen Bock glaubt, dass in Firmen das Duzen immer wichtiger wird (© Constantin Nestor)
Unternehmenskultur
20.03.2017

Per Du mit dem Chef: Was früher im beruflichen Alltag die Ausnahme war, setzt sich zunehmend durch. Und das gilt nicht nur für die Startup-Szene, in der lockere Umgangsformen und flache Hierarchien schon immer dazugehörten. Auch in deutschen Unternehmen wird sich das Du durchsetzen, glaubt UP-Nord-Autor Jürgen Bock. Das liegt auch an der Generation Y.

Der erste Eindruck, den der neue Mitarbeiter im Kollegenkreis und beim Vorgesetzten hinterlässt, bestimmt seinen Status und verfolgt ihn auf lange Zeit. Noch vor zehn Jahren fürchtete fast jeder Jobeinsteiger deshalb, dass er sich am ersten Arbeitstag falsch einführen könnte. Soll er zum Beispiel die ungefähr gleichaltrig wirkenden Kollegen in einem jungen Team sofort duzen oder vorsichtshalber mit dem förmlichen Sie beginnen? Und wie soll man den Chef anreden? Die Generation Y, die jetzt in die Arbeitswelt drängt, kennt solche Berührungsängste nicht. Sie legt keinen großen Wert auf Status und Hierarchien. Die jungen Leute adressieren das, was ihnen wichtig ist, frisch und offen, ganz gleich, wer ihnen da gerade gegenübersteht. Sie zeigen sich unbeeindruckt von Jobtiteln und Seniorität. Sie wurden früh an Entscheidungsprozessen beteiligt: ob es die Reise in den Urlaub war oder das tägliche Mittagessen. Heute fordern Universitätsprofessoren zum kritischen Feedback auf, und diese Kultur des Hinterfragens tragen die Absolventen in die Unternehmen hinein. Sie beurteilen einen Vorgesetzten nicht nach den erbrachten Leistungen, sondern schätzen ab, was er mir zu bieten hat. Die Generation Y hat für mich den Charme, dass sie mit ihrer Unbekümmertheit und Direktheit jene Führungskräfte, die auf Hierarchien pochen, entkleiden und so die Frage an sie stellen: Bist du wirklich eine gute Führungskraft?

Dass sich die Älteren überhaupt so schwer tun mit dem Du im Job, hat ebenfalls gesellschaftliche Gründe. Wir wurden dazu erzogen, dass wir vorsichtig sind. Anders als die Amerikaner, die einem gleich einen freundlichen Klaps auf die Schulter geben, bauen die Deutschen erst ein bisschen Abstand auf, bevor man sich näher kennenlernt. Aus gutem Grund gelten Deutsche im Ausland als angstgetrieben.

(© Getty Images)

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Aber es liegt auch an der deutschen Arbeitskultur, die Wert legt auf hierarchisches Denken, dass wir so lange auf dem Sie beharrt haben. Früher hat sich eine Führungskraft über seine Rolle und seine herausgehobene Position definiert, nach dem Motto: Schau her, ich bin jemand, der über dir steht! Und mögen sich die Kollegen untereinander auch duzen, ich als Chef bin eine Respektsperson, deswegen werde ich gesiezt. Das Verhaltensmuster ist auch hier angstgetrieben. Viele Chefs fürchten, dass sie sich angreifbar machen in dem Moment, in dem sie vom Sie aufs Du wechseln.

Das wird, das muss sich ändern. Immer mehr Unternehmen haben erkannt, dass sie das volle Potenzial ihrer Mitarbeiter nur ausschöpfen können, wenn sie ihnen das Gefühl geben, richtig eingesetzt zu sein. Wichtig ist, dass sie sich in ihrer Rolle am Arbeitsplatz auch wohlfühlen. Außerdem wird größere Transparenz immer wichtiger. Nicht mehr nur die Führungsetage erhält Informationen und reicht sie im nächsten Schritt an die Mitarbeiter weiter. Es wird so sein, dass fast alle Angestellten fast alle Informationen gleichzeitig bekommen. Da passt ein distanziertes Sie nicht mehr in die Unternehmenskultur.

Viele Chefs fürchten, dass sie sich angreifbar machen in dem Moment, in dem sie vom Sie aufs Du wechseln.

Jürgen Bock, Business-Coach

In kreativen Berufen wird schon jetzt fast ausschließlich geduzt. Das liegt daran, dass man oft zusammensitzt und sich zum Beispiel beim Brainstorming auf Augenhöhe die Bälle zuspielt. Strategien und Ideen werden leichter entwickelt, wenn die gegenseitige Chemie stimmt. Anders sieht es aus, wenn kühle Analytik gefragt ist.

Je höher man auf der Karriereleiter kommt, umso mehr entfernt man sich von der Basis und je ausgeprägter ist beim manchen Vorständen das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Das drückt sich im Dienstwagen aus, beim Mittagessen im Vorstandscasino. Dieses Momentum möchte man aufrechterhalten: Wir sind die Könige!

Um ein Zeichen zu setzen, hat kürzlich der Vorstand eines großen deutschen Unternehmens der Belegschaft angeboten, dass man ihn jetzt duzen könne. Dafür gibt es in der Regel mehrere Gründe: Man möchte den Mitarbeitern gern nahe sein und die Mauern, die dazwischenstehen, einreißen, weil sie die Entscheidungsfindung verzögern. Mit einem Du kann der Vorstand direkt angesprochen werden, die Prozesswege werden kürzer. Der zweite Gedanke ist Empowerment. Man möchte den Angestellten eine größere Wertschätzung entgegenbringen. Sie sollen mehr Verantwortung übernehmen. Die dritte Motivation schließlich ist das Du als Schritt zum Wir: Man will eine schlagkräftige Einheit sein, und das Du kann dazu beitragen, dass man sich als Gemeinschaft enger verbunden fühlen und offener und ehrlicher miteinander umgeht.

Für gewöhnlich folgen dann viele Abteilungen dem Du, aber es gibt auch Bereiche, die beim Sie bleiben werden. Das finde ich auch gut so. Denn das drückt die Vielfältigkeit eines Unternehmens aus, es schafft Glaubwürdigkeit. Ein freundliches Sie ist mehr wert als ein erzwungenes Du.

Manchmal kann es ja auch hilfreich sein, wenn man siezt: Wenn es um ernsthafte Konsequenzen geht, ist die ein oder andere Führungskraft froh, wenn sie in der Ansprache auf Distanz geblieben ist, einerseits. Andererseits ist es auch nur eine Frage der Gewöhnung, scharfe Entscheidungen per du zu treffen. Die Startups leben uns schon vor, keine Hemmungen beim Ziehen eines Schlussstriches zu ziehen: „Du bist entlassen.“

Zur Person

Jürgen Bock gilt in Deutschland als einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Unternehmenskultur-Entwicklung, was zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen belegen. Er hält Vorträge zu Themen wie Unternehmenskultur, Digital Leadership und Persönlichkeitsentwicklung. Daneben ist er bei Otto und in der Otto-Group für den Bereich Kulturentwicklung und Corporate Values zuständig.

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