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14.02.2017

Management Summary

Fake News gibt es erst seit kurzem. Aber das Konzept, das dahintersteht, ist alt: Manipulieren der öffentlichen Meinung durch das Verbreiten von Falschmeldungen. Neu an Fake News ist, dass sie fast ausschließlich im Internet zu lesen sind. Sie verbreiten sich schneller und einfacher als Falschmeldungen in der Vergangenheit.

Spin-Doktoren, Nerds, politische Aktivisten und sogar Präsidentschaftsberaterinnen verbreiten gezielt falsche Informationen. Gefälschte Meldungen sind zu einem Problem für die westliche Welt geworden, schreibt UP-Nord-Autor Holger Schmidt. Auch weil sie sich so schnell im Internet verbreiten.

Kennen Sie das Massaker von Bowling Green im US-Bundesstaat Kentucky, ausgeübt von zwei Irakern? Damit begründete Kellyanne Conway, Spitzenberaterin des US-Präsidenten Donald Trump, das umstrittene Einreiseverbot für Menschen aus sieben muslimischen Ländern. Was wie normale politische Vergeltung in diesen Tagen klingt, offenbart ein fast schon normales Problem in der öffentlichen Meinungsbildung: Es gab nie ein Massaker in Bowling Green. Conway hat es erfunden, um die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Der Fachbegriff für solche bewusst verbreiteten Falschmeldungen heißt „Fake News“. Wie so oft besaß auch diese Fake News ein Körnchen Wahrheit, denn in Bowling Green haben tatsächlich zwei Iraker gelebt, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren. In ihrer Heimat wollten sie Waffen für Al Qaida kaufen. Einen Anschlag in den USA haben sie aber weder verübt noch geplant.

Urheberin des Wortes Alternative Fakten: Kellyanne Conway, Spitzenberaterin des amerikanischen Präsidenten (© Getty Images)

Urheberin des Wortes Alternative Fakten: Kellyanne Conway, Spitzenberaterin des amerikanischen Präsidenten (© Getty Images)

Conway, übrigens auch Urheberin des Begriffs „alternative Fakten“, wurde schnell entlarvt. Manchmal ist die Sache aber schwieriger. Und teurer. Zum Beispiel für den französischen Baukonzern Vinci, dessen Aktien nach einer gefälschten Pressemitteilung fast ein Fünftel an Wert verloren. In der Mitteilung, die an Nachrichtenagenturen und Zeitungen ging, wurde behauptet, das Unternehmen revidiere seine Geschäftszahlen und entlasse den Finanzchef. Die Nachrichtenagentur Bloomberg verbreitete die Meldung, was den Kurs prompt einbrechen ließ.

Kommt es zu Anschuldigungen gegen ihn, setzt sich Trump schon mal per Tweet zur Wehr: Alles Fake News!

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Politik, Geld und Dummheit

Beispiele für Fake News gibt es massenhaft, auch weil die Motive dahinter stark variieren. Mal liegt die Verantwortung bei mazedonischen Teenagern, die in großem Stil gefälschte Nachrichtenseiten ins Netz stellen, um Geld mit Online-Werbung zu verdienen. Mal sind es gesteuerte Websites wie „RT deutsch“ und „Sputnik Deutschland“, die Stimmung gegen Russlands politische Gegner machen. Oder die „Epoch Times“, die ursprünglich über Menschenrechtsverletzungen in China berichtete, inzwischen aber in den Flüchtlingen ihr großes Thema gefunden hat. Und manchmal stecken ganz normale Bürger wie der 35 Jahre alte Marketing-Spezialist Eric Tucker aus Austin/Texas dahinter, die dank sozialer Medien eine ungeheure Popularität erleben. Am 9. November, einen Tag nach der Präsidentschaftswahl in den USA, fotografierte Tucker eine Reihe von Bussen. Sie parkten nur eine Straße entfernt von einer zeitgleich stattfindenden Kundgebung gegen den frisch gewählten Präsidenten. „Anti-Trump-Demonstranten in Austin scheinen nicht so natürlich zu sein wie es aussieht. Hier sind die Busse, mit denen sie gekommen sind. #fakeproteste“, twitterte Tucker. Zu diesem Zeitpunkt hatte er gerade einmal 40 Follower in dem Kurznachrichtendienst. Doch das reichte: Sein Tweet wurde auf Twitter 16.000 Mal, auf Facebook sogar 350.000 Mal geteilt und von vielen konservativen Websites aufgegriffen, weil er genau ins Weltbild vieler Trump-Anhänger passte.

Chefankläger: Donald Trump bezichtigt auf einer Pressekonferenz einen CNN-Journalisten Vertreter von Fake News zu sein. (© Getty Images)

Chefankläger: Donald Trump bezichtigt auf einer Pressekonferenz einen CNN-Journalisten Vertreter von Fake News zu sein. (© Getty Images)

Das Problem dabei: Tucker lag falsch. Mit den Bussen waren die Teilnehmer eines Software-Kongresses in Austin angereist. Er habe noch auf Google nach einer Großveranstaltung in Austin gesucht, aber nichts gefunden, rechtfertigte sich Tucker später. Strenggenommen stellt sein Tweet damit keine Fake News dar, sondern eine normale Falschmeldung, weil keine böse Absicht vorlag. Denn Tucker ist gar kein Trump-Anhänger. Er habe Gary Johnson gewählt, den am Ende chancenlosen Kandidaten der Libertären Partei. Als er seinen Fehler bemerkte, schickte er sogar eine Korrektur hinterher – doch die interessierte niemanden mehr. Die zweite Kurznachricht brachte es nach einer Woche auf 29 Retweets und 27 Likes.

Fake News machen Meinungen

 

Fake News sind auch in Deutschland ein Problem geworden. 74 Prozent der Deutschen erwarten eine wichtige Rolle dieser absichtlichen Falschmeldungen im kommenden Bundestagswahlkampf. Und jeder Zwölfte hat sogar schon Fake News in den sozialen Medien geteilt – meistens sogar in vollem Bewusstsein, dass die Nachricht falsch war, zeigt eine aktuelle Repräsentativumfrage des Hightech-Verbandes Bitkom.

Die Wahrheit wurde schon immer verdreht

Holger Schmidt

Nun sind Fake News eigentlich nichts Neues. Die Wahrheit wurde schon immer verdreht. Von Politikern, „Spin-Doktoren“ und leider auch manchmal von Journalisten, was die Sache aber nicht besser macht. Doch neu sind neben der Dimension der professionellen Fälscherwerkstätten auch die Mechanismen, mit denen sie ihre Botschaften verbreiten. Mit Facebook und Twitter stehen ihnen heute globale Nachrichtendrehscheiben zur Verfügung, auf denen neben Millionen wahrer Informationen auch die Falschmeldungen in Sekundenschnelle um die Welt rasen, geteilt von Millionen gleichgesinnter Menschen – und immer öfter auch von Maschinen. Social Bots, also Profile in den sozialen Netzwerken, hinter denen nur scheinbar Menschen, in Wahrheit aber Maschinen stecken, verteilen diese Nachrichten inzwischen automatisch durch die Netzwerke. Aber nicht wahllos, sondern schlau: Einfache Social Bots erkennen Schlüsselbegriffe wie Flüchtlinge und reagieren darauf, indem sie zum Beispiel Bilder aus dem Internet posten oder Kommentare retweeten. Komplexere Social Bots können Kommunikationsinhalte analysieren und sogar Dialoge führen, beschreibt das Büro für Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag die Arbeitsweise. Klingt ganz harmlos, hat es aber in sich, wie der US-Wahlkampf gezeigt hat: Wer zum Beispiel Negatives über Flüchtlinge im Netz verbreitet, wird vom Bot anschließend individuell mit den passenden Informationen versorgt. Erkennt der Algorithmus Zweifel, ob Trump auch hart genug gegen illegale Einwanderer vorgeht, bekommt die Nachricht aufs Smartphone geschickt, dass Trump eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen werde.

Das Eigenleben der Social Bots

Die Social Bots funktionieren auch in der Wirtschaft prächtig. Social Bots haben den Börsenkurs des Technologieunternehmens Cynk mit Hilfe von Tweets hochgetrieben. Automatisierte Tradingalgorithmen nahmen die Gerüchte auf und investierten in Cynk, bis der Marktwert um das 200-fache auf rund 6 Milliarden Dollar stieg. Inzwischen gibt es auch Social Bots, die aus den Tweets von Donald Trump Kapital schlagen. Twittert der Präsident mal wieder Schlechtes über ein börsennotiertes Unternehmen, reagiert in der Regel der Kurs. Allerdings mit etwas Verzögerung. Der Bot der Firma T3 aus Austin nutzt genau diese Zeitspanne und untersucht jeden Trump-Tweet automatisch auf entsprechende Aussagen. Ist die Bemerkung negativ, steigt T3 in den Handel ein und geht mit der Aktie „short“. Das heißt: Der Bot kauft sie, um sie sofort wieder zu verkaufen, um sie nach dem erwarteten Kursrutsch billig zurückzukaufen. Das Ganze geschieht elektronisch in Millisekunden und nutzt die Reaktionsdauer aus, die Anleger normalerweise nach einem Trump-Tweet haben. T3 will mit der Aktion allerdings kein Geld verdienen, sondern spendet den Gewinn. Ben Gaddis, Chef von T3, ist aber sicher, dass noch mehr Bots programmiert wurden, um mit der Twitterleidenschaft des Präsidenten Geld zu verdienen. Die meisten tun dies aber ohne es zu sagen, vermutet Gaddis.  

Facebook ist wichtige Nachrichtenquelle

Für viele Menschen und den Großteil der Jugendlichen ist Facebook inzwischen eine wichtige, oft sogar die dominante Nachrichtenquelle. Dazu muss man wissen, dass Facebook keineswegs neutral ist. Die Beiträge im Newsfeed sind gefiltert: Aus durchschnittlich 1500 Beiträgen am Tag sucht Facebook die besten 300 aus. Als Kriterium dafür dient nicht der Informationsgehalt, sondern die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Nutzer auf den Beitrag reagiert, also ihn liked, teilt oder kommentiert. Folglich setzt Facebook seinen Nutzern genau die Beiträge vor, die sowieso ihrer Meinung entsprechen. Ein AFD-Anhänger sieht auf Facebook eine andere Wahrheit als ein Grünen-Wähler, wofür es inzwischen einen weiteren Fachbegriff gibt: Filterblase heißt das Phänomen, nur die Beiträge zu sehen, die der eigenen Meinung entsprechen. Auf diese Beiträge reagieren die Nutzer viel häufiger; sie erhöhen die Verweildauer und die Rückkehrwahrscheinlichkeit und damit Facebooks Werbeeinnahmen, die im vergangenen Jahr um 57 Prozent auf fast 27 Milliarden Dollar kletterten. Der Rest des Wachstums auf den Online-Werbemarkt fließt übrigens in die Taschen von Google, die in ihren Google News übrigens auch Fake News anzeigen, aber in der öffentlichen Meinungsbildung weniger relevant sind.

Der Plan gegen Fake News

Weil es unmöglich ist, alle Quellen der gefälschten Nachrichten zu erfassen, sollen Facebook, Google und Twitter als Verteiler nun Mechanismen entwickeln, um die Fake News zu markieren und die Verbreitung einzuschränken. So wie die Netzwerke in der Vergangenheit schon schlaue Algorithmen entwickelt haben, um gute Quellen zu identifizieren, können sie umgekehrt auch potenzielle Fake-Quellen herausfiltern. Urheber, deren Inhalte in der Vergangenheit besonders häufig als gefälscht aufgefallen sind, auf deren Inhalte seriöse Quellen nicht referenzieren oder die erst vor kurzem im Netz aufgetaucht sind, lassen sich in den Ranking-Algorithmen herabstufen.

Facebook hat schon angekündigt, in Deutschland mit dem journalistischen Portal Correctiv.org zusammenzuarbeiten. Correctiv soll verdächtige Artikel prüfen. Besteht begründeter Verdacht auf Fake News, soll der Beitrag gegenzeichnet werden und ein Link zur Begründung beigefügt werden. Nutzer werden also nur gewarnt, nicht aber am Teilen des Beitrags gehindert. Das würde das Geschäftsmodell untergraben. Facebook wird sich damit langfristig aber keinen Gefallen tun. Denn mit jeder Nachricht, die ein Nutzer als Fälschung identifiziert, schwindet das Vertrauen in das Netzwerk. Wer möchte schon bei jeder Information erst einmal prüfen, ob sie stimmt?

Als Zensoren, die über Wahrheit oder Lüge entscheiden, wären Facebook oder Twitter bei einer Milliarde Posts am Tag aber nicht nur technisch überfordert. Wir sollten als Gesellschaft nicht die Verantwortung für diese wichtige Frage auslagern. Am Ende hilft nur die Rückbesinnung auf die eigene Urteilsfähigkeit, auf seriöse Quellen und guten Journalismus, der – auch das sollte in der digitalen Welt klar sein – nicht kostenlos zu haben ist. Die ersten Anzeichen weisen in die richtige Richtung: Die Abonnements für die New York Times sind seit dem Wahlsieg von Donald Trump so stark gestiegen wie lange nicht. Make News Great Again!

Zur Person

Dr. Holger Schmidt schreibt als Journalist seit zwei Jahrzehnten über die Digitalisierung. Sein Blog Netzökonom gehört zu den meistgelesenen Publikationen der digitalen Wirtschaft in Deutschland. Er ist gefragter Keynote-Speaker und Dozent an der TU Darmstadt.

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