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14.02.2017

Gastkommentar in der Börsenzeitung: Europa darf dem isolationistischen Kurs von Donald Trump nicht tatenlos zusehen, sondern muss neue multilaterale Freihandelsabkommen schließen, sagt HSH-Nordbank-Chefvolkswirt Cyrus de la Rubia.

Freihandel ist wie eine von einem Moderator geführte Diskussionsrunde, bei der Teilnehmer miteinander reden, voneinander lernen und keiner dem anderen über den Mund fährt, auch wenn die Diskussion mal etwas hitziger werden darf. Ein Handelskrieg ist demgegenüber wie eine drittklassige Talkshow, bei der jeder Gast sich durch eine besonders laute Stimme versucht Gehör zu verschaffen, alle durcheinander reden und der Moderator am Ende keine Rolle mehr spielt. Übertragen auf die Handelspolitik bedeutet dieses Szenario, dass Importmauern hochgezogen werden und jeder seine heimische Industrie schützen will.

Ein Handelskrieg ist demgegenüber wie eine drittklassige Talkshow

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

In diesem Falle darf die EU nach den jüngsten protektionistischen Maßnahmen und Ankündigungen der USA unter anderem gegen Mexiko und China nicht tappen. Vielmehr muss sich die europäische Staatengemeinschaft ohne Verzug mit den wichtigen Handelsnationen dieser Welt treffen und dem Isolationismus der USA mit einer zunehmenden Integration antworten – durch Stärkung der Welthandelsorganisation (WTO), neue multilaterale Freihandelsabkommen und Selbstverpflichtungen zum Verzicht auf neue regelwidrige Schutzmaßnahmen gegenüber Drittstaaten.

Glücklicherweise gibt es bereits erste Ansätze in diese Richtung. So kommt etwa das gerade abgeschlossene und kurz vor der Ratifizierung stehende Handelsabkommen mit Kanada, um das intensiv gerungen wurde, genau zur richtigen Zeit. Gleichzeitig muss man den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping, der sich beim Davos-Treffen im Januar für die weitere Integration der Weltwirtschaft ausgesprochen hat, beim Wort nehmen. Genau genommen sollten die wichtigsten Staatschefs der Europäischen Union lieber heute als morgen ein Treffen mit Präsident Xi organisieren und über Handelsvereinbarungen sprechen. Möglicherweise kann man zusammen mit China in die Lücke stoßen, welche die USA beim Ausstieg aus der Trans-Pacific Partnership mit den Pazifikanrainerstaaten hinterlassen. Dies wäre ein deutliches Zeichen an Amerika.

Denn was ist die Alternative? Ein Handelskrieg mit einer gefährlichen Dynamik. Zur Erinnerung: Vier Jahre nachdem die USA im Jahr 1930 im Rahmen des Smoot-Hawley-Aktes die Zölle auf 20.000 Güter angehoben hatten, war der Außenhandel Amerikas um rund 60 % eingebrochen. Würden die USA heute chinesische Importe wie im Wahlkampf angekündigt mit 45 % Zoll belasten, würden die Exporte in die USA um möglicherweise 40% beziehungs- weise 200 Mrd. Dollar fallen. Die betroffenen Unternehmen aus China dürften versuchen, auf andere Absatzmärkte auszuweichen, beispielsweise die EU.

Sollte das europäische Staatenbündnis dann jedoch ebenfalls zu Abwehrmaßnahmen greifen, wäre ein globaler Handelskrieg perfekt. Der beschriebene Talkshow-Effekt – jeder versucht den anderen mit einer noch lauteren Stimme zu übertönen – würde sich auf andere Länder weiter übertragen, die WTO verlöre ihre bisherige Rolle als Moderator und Streitschlichter, und der internationale Handel würde dramatisch schrumpfen. Die Folge wäre eine tiefe, globale Rezession.

Die Europäische Union muss die neue Handelspolitik der USA für sich daher als Chance begreifen: Ziehen sich die USA zurück, kann die europäische Staatengemeinschaft Marktanteile gewinnen, vor allem in Asien und in Lateinamerika. Auch wenn Trump weiter mit polternder Stimme spricht, die EU und der Rest der Welt müssen die Diskussion in ihrer eigenen Sprache fortsetzen.