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14.12.2016

Deutschland hat im vergangenen Jahr drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Warum das ein richtiges Signal ist, erklärt Dr. Jörg Buteweg* im Gastbeitrag.

Forschung und Entwicklung können die Produktivität steigern (© Getty Images)

Forschung und Entwicklung können die Produktivität steigern (© Getty Images)

Spät, aber immerhin – Deutschland hat im vergangenen Jahr ein selbst gestecktes Ziel erreicht: Drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts wurden für Forschung und Entwicklung ausgegeben.

Rund 90 Milliarden Euro flossen 2015 in Forschung und Entwicklung. Unter diesem Begriffspaar werden die Forschung an Hochschulen und in Firmen sowie die Entwicklung neuer Produkte und Verfahren in Betrieben und Forschungsinstituten zusammengefasst. Gut zwei Drittel – 62,4 Milliarden Euro – finanzieren private Firmen, der Rest – 28,1 Milliarden Euro – kommt von Bund und Ländern. Sie finanzieren mit dem Geld Hochschulen und Forschungsinstitute.

Das Ziel, drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts – das Maß für die Wirtschaftsleistung eines Landes – für Forschung und Entwicklung auszugeben, hat sich die EU im Jahr 2000 vorgenommen. Damals wollte die Union bis 2010 zur wettbewerbsfähigsten Region der Welt werden. Das ist gründlich schief gegangen. Weder wurde das Drei-Prozent-Ziel erreicht, noch ging es mit der Wettbewerbsfähigkeit der EU aufwärts.

Deutschland, immerhin, gibt nun drei Prozent seines BIP für Forschung und Entwicklung aus, wenn auch mit ziemlicher Verspätung. Die EU insgesamt ist davon weit entfernt, auch wenn Länder wie Finnland oder Schweden mehr als drei Prozent für Forschung und Entwicklung aufwenden, ganz zu schweigen von Südkorea, das mehr als vier Prozent in die Forschung steckt. Auch Japan lässt sich diesen Bereich deutlich mehr als drei Prozent der Wirtschaftsleistung kosten.

Dr. Jörg Buteweg

Dr. Jörg Buteweg

Aber warum sind Ausgaben für Forschung und Entwicklung wichtig? Diese Aufwendungen spielen eine wichtige Rolle beim Wachstum der Produktivität. Nur wenn die Produktivität der Arbeitnehmer, also das, was sie in ihrer Arbeitszeit leisten, wächst, gibt es auch Spielraum für steigende Löhne und/oder kürzere Arbeitszeit. Eine hohe Produktivität hilft deutschen Firmen, international wettbewerbsfähig zu bleiben. Letztlich hängt das Wirtschaftswachstum in einem so reichen Land wie Deutschland entscheidend davon ab, ob es gelingt, neue Produkte und neue Produktionsverfahren zu entwickeln, die das Interesse möglicher Kunden finden und so für Aufträge und Arbeitsplätze sorgen.

Nun würde man ein allzu rosiges Bild zeichnen, wenn man behauptete, über die gesamte Breite der Wirtschaft werde intensiv geforscht und Neues entwickelt. Die Ausgaben konzentrieren sich da, wo Deutschland seit mehr als 100 Jahren seine Stärken hat: im Maschinenbau, im Fahrzeugbau, in der Chemie- und der Elektroindustrie. Das sind die vier Branchen, auf denen die deutschen Exporterfolge ruhen. Insgesamt entfallen über 85 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsausgaben der Privatwirtschaft hier zu Lande auf die Industrie, ebenso wie in Südkorea und Japan. In Frankreich fließen knapp 50 Prozent der privaten Forschungsausgaben in die Industrie, in Großbritannien sind es 37 Prozent. Das spiegelt auch gut die Rolle wider, die diese Länder auf dem Weltmarkt für anspruchsvolle Industriegüter spielen.

Nun lässt sich einwenden, viel Geld auszugeben, sei allein noch kein Qualitätskriterium. Schließlich kann man Geld auch zum Fenster hinauswerfen. Das Argument ist nicht falsch. Das Problem ist, dass man die Qualität von Forschung und Entwicklung nur schwer messen kann. Die Zahl der Patentanmeldungen ist genauso ein indirekter Maßstab wie die Zahl von Artikeln in wissenschaftlichen Zeitschriften. Nicht jedes Patent bringt später Einnahmen und nicht jeder Artikel in einem Fachmagazin ist ein wissenschaftlicher Fortschritt.

Ganz schlecht zumindest scheint der Maßstab, der zudem international üblich ist und Vergleiche erlaubt, nicht zu sein. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat errechnet, dass eine Milliarde Euro zusätzliche Ausgaben für Forschung und Entwicklung das Bruttoinlandsprodukt im darauf folgenden Jahr in etwa um den gleichen Betrag erhöhen.

*Dr. Jörg Buteweg (geb. 1955) ist seit 2005 Leiter der Wirtschaftsredaktion der Badischen Zeitung