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30.11.2016

Unsere Vorstellungen von Wirtschaft basieren auf den Geschichten, die wir uns darüber erzählen. Gegenwärtig sind wir auf einem gefährlichen Horrortrip. Ein Gastbeitrag von Henrik Müller*

Prof. Dr. Henrik Müller

Prof. Dr. Henrik Müller

Alles schlecht, oder? Das derzeit vorherrschende ökonomische Narrativ ist ausgesprochen pessimistisch: Das Produktivitätswachstum tendiert gegen Null; der Welthandel stagniert; der Boom in den Schwellenländern ist vorbei; die weltweiten Schulden sind auf Rekordhöhe. Dazu kommt die heraufziehende demographische Krise, die der Wirtschaft jedwede Dynamik nimmt. Es herrscht "säkulare Stagnation" (wie Ex-US-Finanzminister Larry Summers nicht müde wird zu verkünden), die wiederum in politische Instabilität mündet. Und weil die Verteilung des Wohlstands immer ungerechter wird, breiten sich Neonationalismus, Populismus und Protektionismus aus. Belege gefällig? Brexit, Trump, das Verfassungsreferendum in Italien, ein möglicher Wahlsieg des FPÖ-Kandidaten bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich …

Kein Zweifel, die Welt steckt derzeit in einer extrem pessimistischen Erzählung fest. Die gewohnte Ordnung scheint in Auflösung zu sein – politisch, ökonomisch, gesellschaftlich. Eine Krise bedingt offenkundig die nächste. Düstere Zukunftserwartungen breiten sich aus. Sie prägen das Bild von der Wirklichkeit und beeinflussen wiederum das Verhalten von wirtschaftlichen Akteuren, die sich zurückhalten, Investitionen unterlassen, Risiken meiden. So wird die Erzählung zur selbsterfüllenden Prophezeihung. Sie taugt als Beschreibung der Realität, weil sie selbst die Realität beeinflusst. Folgerichtig fehlt denn auch derzeit in kaum einer Konjunkturprognose der Hinweis, dass Populismus und Protektionismus die wichtigsten Risiken für die weitere wirtschaftliche Entwicklung darstellen.

Was ist hier eigentlich los?

Wir tun gern so, als gehe es in der Wirtschaft um objektive Umstände. Rationale Entscheidungen fallen auf Basis von harten Fakten und unbestreitbaren Informationen. Aber Fakten sind ohne Einbettung in eine Geschichte nutzlos. Menschen nehmen die Wirklichkeit durch interpretatives Erzählen wahr: durch Zuspitzen und Hervorheben, durch die Konstruktion möglichst eindeutiger Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Narrative bringen Ordnung in eine überkomplexe Wirklichkeit, die wir uns ohnehin nur ausschnittweise erschließen können. Akteure tauchen auf, die typischerweise in ein Ringen zwischen Gut und Böse verstrickt sind. Eine gute Story bringt Ereignisse in eine scheinbar logische, sinnhafte Reihenfolge. Was nicht passt, wird passend gemacht. Oder weggelassen.

Wir sind alle Geschichtenerzähler: Politiker, Ökonomen, Journalisten, Aktivisten, Manager, jeder einzelne. Wir verkürzen und spitzen zu. Wir versuchen zu überzeugen. Wir benennen Schuldige und Opfer. In dem Raum, den wir Öffentlichkeit nennen, prallen unsere Geschichten aufeinander – treten in Konkurrenz zueinander oder verstärken einander, finden Zuhörer oder stoßen auf taube Ohren. Soziale Narrative sind solche, die sich in diesem Wettbewerb durchsetzen. Sie bewegen ganze Gesellschaften und auch Märkte, weil sie für größere Gruppen von Menschen Deutungshoheit erlangen.

Wie jeder gute Erzähler, neigen wir dazu, zu übertreiben. Im Guten wie im Schlechten. Es ist noch gar nicht so lange her, da beherrschte ein übermäßig optimistisches Narrativ die Wirtschaft. Die dominante Erzählung ging damals in etwa so: Märkte sind inhärent stabil; die Globalisierung schreitet unaufhaltsam voran; Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit breiten sich immer weiter auf dem Globus aus. Dass Verschuldung, internationale Ungleichgewichte und soziale Ungleichheit immer weiter zunahmen, war mess- und erkennbar, wurde aber weithin ignoriert. Dieses übersprudelnd optimistische Narrativ der Nullerjahre war die kognitive Basis für den Boom, der der Finanzkrise vorausging.

Weil ausgeblendet wurde, was nicht ins Bild passte, waren Akteure in Unternehmen, Banken und Behörden blind für Risiken. Auch Optimismus kann gefährlich sein.

Derzeit übertreiben wir in die andere Richtung. Die dominierende Erzählung gleicht einem Gruselmärchen. Nicht nur weil sich Fakten unbestreitbar verändert haben, auch weil sich die öffentlichen Räume gewandelt haben. Gesellschaftliche Kommunikation findet nicht mehr nur über klassische Massenmedien statt, wo professionelle Journalisten für eine abgewogene Auswahl und Einordnung von Informationen sorgen. Inzwischen schaffen soziale Medien wie Twitter, Facebook oder YouTube direkte Kanäle zwischen den Geschichtenerzählern und ihrem Publikum. Der Erzählstil passt sich dem neuen Umfeld an: Stories müssen kurz und griffig sein, sonst werden sie nicht gelesen. Sie müssen konfrontativ, negativ und übertrieben sein, sonst erregen sie keine Aufmerksamkeit.

So entstehen in den sozialen Medien extrem verkürzte Geschichten über eine hochkomplexe wirtschaftspolitische Realität, die sich später weiter verbreiten über klassische Medien wie TV, Radio, Zeitungen und Nachrichtenwebsites. Diese Stories sind vielleicht unterhaltsam, aber fast notwendiger Weise falsch – es ist so, als versuchte man, den Inhalt eines Romans zu einem Limmerick zu verkürzen.

Wie also kommen wir aus dem gegenwärtig dominierenden pessimistischen Narrativ heraus? Indem wir es durch eine optimistische Gegenerzählung herausfordern. Zum Beispiel: Wir erleben derzeit eine technologische Revolution nach der anderen – darin stecken eine Menge Chancen. Internationale Zusammenarbeit, multikulturelles Zusammenleben und offene Grenzen sind möglich – und nach wie vor von Mehrheiten gewollt. Hohe Schulden lassen sich abbauen – Modelle dafür gibt es diverse. Effektive Umverteilung ist machbar – wie gerade die Bundesrepublik zeigt. Und. Und. Und.

Das ist der Kernpunkt: Wir dürfen den populistischen Negativisten nicht das Storytelling überlassen. Wenn wir es tun, haben wir schon verloren. Wie gesagt: Eine gute Geschichte hat die Macht, jene Wirklichkeit zu schaffen, die sie vorgibt zu beschreiben. Darin steckt ihre Kraft, im Guten wie im Schlechten.

 

*Der Autor ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund und Sprecher des Dortmund Center for data-based Media Analysis (DoCMA).

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