SUCHE

13.06.2016

Kommt es zum Brexit, wird der wirtschaftliche wie auch politische Wandel von Unsicherheit gezeichnet sein – sowohl für Großbritannien als auch Deutschland – prognostiziert HWWI-Direktor Prof. Dr. Henning Vöpel.

Großbritannien wähnt sich im Ungewissen. (Foto: picture alliance / AFP Creative)

Die EU-Gegner gewinnen in Großbritannien an Boden. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit eines Brexit?
Henning Vöpel: Ein Brexit lässt sich keinesfalls ausschließen. Die Umfragen sind sehr knapp und die politische Stimmung ist angesichts der derzeitigen Krise in Europa nicht sonderlich pro-europäisch. Dieses Gemengelage könnte dazu führen, dass am Ende ein Ergebnis herauskommt, das sich eigentlich kaum jemand wirklich gewünscht hatte.

Weshalb gibt es in Großbritannien so viele EU-Gegner?
Henning Vöpel: Die Unabhängigkeit von Kontinentaleuropa ist ein Stück historischer Identität Großbritanniens. Genau diese nationale Unabhängigkeit und Souveränität sehen die Briten gefährdet, wenn nun in Krisenzeiten es verstärkt um Umverteilungsfragen innerhalb Europas geht. Das angelsächsische Wirtschaftsmodell von Markt und Staat verträgt sich mit dieser Entwicklung nicht sonderlich gut.

Welche Faktoren werden das Abstimmungsergebnis beeinflussen (Wahlbeteiligung, letzte Woche vor der Abstimmung, Wetter…)?
Henning Vöpel: Je dichter es an die Abstimmung geht, desto mehr sollten eigentlich die harten Fakten und weniger diffuse Emotionen eine Rolle spielen. Die Logik von Abstimmungen hat aber so manches Mal die ökonomische und politische Rationalität außer Kraft gesetzt. Insofern sollten die Gegner eines Brexit nicht darauf vertrauen, dass schon alles gut gehen werde. Viel hängt von der Mobilisierung ab. Gegner haben gegenüber Befürwortern hierin immer einen Vorteil. So absurd es klingt: Da kann beispielsweise schon die Fußball-EM das Zünglein an der Waage sein.

Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor und Geschäftsführer des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). (Foto: picture alliance / dpa)

Fachleute warnen einhellig vor den negativen Konsequenzen des Brexit – das scheint viele Briten nicht zu stören. Ist Ihnen das egal oder glauben sie einfach nicht an die Prognosen?
Henning Vöpel: Letztlich war es ja die Politik in Großbritannien, die die Frage des Brexit etwas unverantwortlich zu einer Sache der parteipolitischen Räson gemacht hat. Diese Verquickung hat sicherlich zur Verunsicherung geführt und hat dazu beigetragen, dass die ökonomischen Konsequenzen dieser weitreichenden Grundsatzentscheidung nicht so bewusst sind.

Wie schätzen Sie die ökonomischen Folgen des Brexit ein?
Henning Vöpel: Die ökonomischen Folgen werden zunächst immens sein. Denn eine relativ lange Zeit der Unsicherheit droht. Gerade die regulatorischen, zoll- und steuerrechtlichen und völkerrechtlichen Grundlagen werden schlagartig ungültig. Zum Beispiel müssten viele bilaterale Handelsverträge nach einem Austritt aus der EU neu verhandelt werden. Das dauert natürlich. Kapitalflucht könnte die Folge sein.

…und die politischen?
Henning Vöpel: Großbritannien würde sich in Europa politisch isolieren, in wesentlichen Fragen der europäischen Integration nicht mitwirken. Aber auch für Europa und Deutschland hätte ein Austritt politisch Konsequenzen. Die politische Balance in der EU würde sich zugunsten des eher „französischen“ denn des „angelsächsischen“ Wirtschaftsmodells verschieben. Deutschland würde damit einen wichtigen liberalen Partner in politischen Prozessen verlieren.

Ist der Brexit der Anfang vom Ende der EU?
Henning Vöpel: Nicht notwendigerweise, aber ein möglicher, historisch bedeutender Wendepunkt, zumindest eine Weggabelung: Gehen wir den Weg eines „Europas der Vaterländer“ oder in Richtung „Vereinigter Staaten von Europa“. Das sind zwei völlig unterschiedliche Entwicklungspfade.

Was bedeutet ein Brexit für deutsche Unternehmer?
Henning Vöpel: Einen Zustand großer Unsicherheit. Es könnte sein, dass Handelsbeziehungen und Investitionsentscheidungen zurückgenommen oder aufgeschoben werden. Ein wichtiger Absatzmarkt für die deutsche Wirtschaft geriete in Gefahr. Denn gerade mittelständische Unternehmen können sich gegen solche politischen Risiken kaum absichern.

In vielen europäischen Ländern sind nationalistische Parteien erfolgreich, Großbritannien steigt vielleicht aus der EU aus, in den USA tritt Donald Trump mit nationalistischen Thesen an. Erleben wir eine Renationalisierung?
Henning Vöpel: Ja, eindeutig. Und das ist eine große Gefahr. Vor rund hundert Jahren hatten wir in Europa eine ähnliche Konstellation: eine globalisierte Wirtschaft und eine nationalstaatliche Politik. Das hat institutionelle Widersprüche und geopolitische Konflikte erzeugt. Ähnliches erleben wir heute. Die sicherheitspolitische Lage der Welt war seit Jahrzehnten nicht so angespannt wie zurzeit.