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Nachhaltige Energie
27.05.2016

Pieter Wasmuth, Generalbevollmächtigter von Vattenfall für Hamburg und Norddeutschland, über nachhaltige Energien und die Notwendigkeit moderner Technologien.

Pieter Wasmuth, Generalbevollmächtigter von Vattenfall für Hamburg und Norddeutschland (Foto: Sven Wied)

Um die Ziele des Pariser Klimagipfels zu erreichen, müssen die Treibhausgasemissionen zwischen den Jahren 2045 und 2060 auf null reduziert werden. Richten die Energieerzeuger ihre Strategie bereits danach aus?
Pieter Wasmuth: Energieerzeuger und auch unser Unternehmen sind nicht erst durch Paris motiviert worden, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Der Frage des Klimawandels und der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen stellen sich die Energieerzeuger seit vielen Jahren – aus guten Gründen. In Deutschland wird vor allem auf den CO2-Ausstoß und den damit verbundenen Klimawandel geguckt. Das ist aber nicht die einzige Herausforderung. Angesichts der globalen Bevölkerungsentwicklung müssen wir mit Ressourcen künftig generell anders umgehen als bislang.

Inwieweit hat sich Vattenfall bereits mit dem Thema nachhaltige Energieerzeugung befasst?
Pieter Wasmuth: Wir betreiben unter anderem ein Innovationszentrum, in dem wir an Wasserstoff- und Batteriespeichern forschen, Windenergie hat bei uns große Tradition. Wandel ist gut und notwendig. Aber wir müssen darauf achten, dass die Veränderungen in der Industriegesellschaft nicht auf einmal, sondern in gut geplanten Schritten erfolgen. Sonst besteht die Gefahr, dass funktionierende Strukturen aus den Fugen geraten.

Was meinen Sie damit?
Pieter Wasmuth: Strom ist Physik, es gibt klare naturwissenschaftliche Zusammenhänge, die man nicht wegdiskutieren kann. Deshalb muss die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch stimmen. Zuletzt ging die Veränderung bei der Erzeugungsstruktur schneller als die bei der dazugehörigen Infrastruktur. Die Folge: Netzbetreiber müssen immer häufiger eingreifen, um die Stromnetze stabil zu halten. Strom ist kein Selbstzweck, sondern die Basis für unsere industriellen Prozesse. In Deutschland freuen wir uns über unsere hohe Industriequote. Denn das bedeutet sichere Arbeitsplätze, gute Sozialleistungen, stabile Altersversorgung. Wenn wir unsere Energieversorgung verändern wollen, dürfen dabei keine Verwerfungen riskieren.

Was für Verwerfungen könnten das sein?
Pieter Wasmuth: Deutschland lebt vom Export. Die hier produzierenden Unternehmen müssen sich international behaupten. Deshalb dürfen wir den Standort Deutschland nicht durch Alleingänge beschädigen. Wenn die Unternehmen hier nicht mehr wettbewerbsfähig sind, wandern sie ab – mit entsprechenden Konsequenzen.

Wie schwierig ist der Spagat zwischen der Wahrung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und der Umstellung auf neue Techniken?
Pieter Wasmuth: Wir brauchen einen Plan, um die Dinge im Gleichgewicht weiterzuentwickeln. Dazu gehört eine europäische Energiepolitik, um die geografische Vielfalt des Kontinents besser nutzen zu können.

Also Windenergie im Norden, Sonne im Süden.
Pieter Wasmuth: Genauso wie die physikalischen Zusammenhänge sollten wir eben auch die Geografie in Europa berücksichtigen – die südlichen Länder hätten Chancen als Produzenten von Sonnenenergie. Wir sollten auch stärker von unserer Gemeinschaft profitieren und in Leitungen für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage investieren.

Ist dieser große, gemeinsame Plan in Sicht?
Pieter Wasmuth: Nein, weder in Deutschland, noch in Europa. Dabei zeigt der deutsche CO2-Ausstoß trotz Milliardenförderung für die erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahren eher nach oben.

Nach der Katastrophe von Fukushima hat die Bundesregierung den Ausstieg aus dem Atomstrom beschlossen. Kann nun langfristig auch auf fossile Brennstoffe für die Stromerzeugung verzichtet werden?
Pieter Wasmuth: Der in Paris verabschiedete Zeitplan ist extrem ambitioniert. Es ist richtig, hohe Ziele zu setzen – aber dann müssen die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Die einfachste Art, CO2 einzusparen, wäre den Verbrauch zu reduzieren. Müssen wir alle dazu auf ein Stück Wohlstand und Komfort verzichten?
Pieter Wasmuth: Natürlich ist das ein gesellschaftliches Thema. Wir konsumieren sehr viel – das verbraucht Energie. Die Effizienzgewinne, die wir erzielen, nutzen wir nicht für Energieeinsparungen, sondern für Komfortgewinne. Mein erstes Auto war ein VW Golf, der 800 Kilogramm gewogen hat, das war Auto pur. Heute geht selbst die Heckklappe elektrisch auf – mit der Folge, dass die Autos sehr schwer sind. Hohes Gewicht heißt: hoher Verbrauch.

Würde ein individuell bewussterer Umgang mit Energie etwas bringen?
Pieter Wasmuth: Natürlich, obwohl über 70 Prozent des Stroms in Deutschland industriell verbraucht werden. Das sind unsere Arbeitsplätze. Wir müssen auch überlegen, ob es besser ist, den Stahl hier mit anspruchsvollen Umweltstandards zu produzieren oder in China – mit höheren CO2-Ausstoß. Was ist für das globale Klima besser? Deutschland ist für 2,7 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich, aber wir sind eine der größten Wirtschaftsnationen. Das zeigt doch auch, dass wir einiges richtig machen.
 
Wie realistisch ist es, dass Länder wie China oder Indien, die einen berechtigten Wachstumshunger haben, die Energiewende schaffen?
Pieter Wasmuth: Je günstiger die modernen Technologien werden, desto größer wird die Akzeptanz dafür – in allen Ländern. Deshalb sollten wir in Deutschland auch Vorreiter mit einem Modell sein, dass sich die anderen Länder leisten können und das jeder nachahmen kann. Dafür sind unsere Förderinstrumente momentan aber zu teuer. Das wird keiner kopieren.
 
Wissenschaftler wie Jeremy Rifkin prognostizieren, dass die  Energiekosten in Zukunft aufgrund einer Kombination aus Big Data, Smart Grid und erneuerbaren Energien nahe null sinken – wie sehen Sie das?  
Pieter Wasmuth: In dieser Vision steckt etwas Wahres, aber sie ist überzeichnet. Das klingt so einfach: alles miteinander vernetzen. Aber diese Systeme müssen entwickelt, finanziert und gebaut werden. Und was gern vergessen wird: Je digitaler die Welt, desto höher sind die Qualitätsanforderungen an den Strom. Die alte Glühbirne flackert, wenn die Spannung mal absackt – der 3-D-Drucker stellt seinen Dienst ein. Ganz davon abgesehen, dass die großen Rechen- und Datenzentren sehr viel Strom verbrauchen.

Langfristig werden erneuerbare Energien immer wichtiger. Ist das für die deutsche Industrie eine Chance, um sich bei einer Zukunftstechnologie an der Spitze zu setzen?
Pieter Wasmuth: Ja, das könnten wir, weil wir gute Ingenieure haben. Aber die müssen die Technologien der Zukunft entwickeln. Derzeit fördern wir Windenergie-Anlagen, bei denen viele Komponenten nicht mehr aus Deutschland kommen. Es wäre besser, die Entwicklung von Speichermedien zu fördern – das ist ein Markt der Zukunft.