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18.05.2016

Stadtwerke leiden unter den aktuell niedrigen Strompreisen. Tom Miller, Energie-Spezialist der HSH Nordbank, zu den Herausforderungen für die Branche und weshalb Stadtwerke für Investoren dennoch besonders interessant sind.

Tom Miller, Energie-Spezialist der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Der Strompreis fällt seit mehreren Jahren. Was bedeutet das für die Stadtwerke?
Tom Miller: Das hat natürlich einen negativen Einfluss auf die Gewinn- und Verlustrechnung der Stadtwerke, vor allem wenn sie Strom in konventionellen Kraftwerken erzeugen. Im Jahr 2012 lag der Großhandelspreis für Strom bei etwa 50 bis 60 Euro pro Megawattstunde. Mittlerweile ist er auf unter 20 Euro pro Megawattstunde gefallen. Zu diesem Preis lässt sich Strom mit konventionellen Kraftwerken aber nicht mehr wirtschaftlich erzeugen. Anders sieht es aus, wenn man über erneuerbare Energien verfügt. Dafür gibt es festgelegte Einspeisevergütungen, die liegen zum Beispiel bei Windkraft an Land bei aktuell knapp 90 Euro pro Megawattstunde.

Wieso ist der Strompreis so stark gefallen?
Tom Miller: Das hängt zum einen mit dem allgemeinen Verfall der Rohstoffpreise zusammen. Öl, Kohle, Gas – die Preise sind in den vergangenen Jahren stark gesunken. Das hat auch den Strompreis gedrückt. Dazu kommt, dass der Einspeise-Vorrang erneuerbarer Energien die Preise zusätzlich drückt, insbesondere bei viel Sonne und viel Wind.

Bei den aktuellen Strompreisen können Stadtwerke kaum wirtschaftlich konventionell Strom erzeugen. Was heißt das für deren Geschäftsmodell?
Tom Miller: Man muss sich keine grundsätzlichen Sorgen machen: Ein paar Jahre Durststrecke können die Stadtwerke überstehen. Die konventionelle Stromerzeugung ist ja auch nicht hoch defizitär. Fast alle der über tausend Stadtwerke haben ein Investment-Grade-Rating. Die aktuelle Situation bedeutet nicht, dass sie alles neu machen müssen. Aber es bedeutet, dass sie sich Gedanken über neue Ertragsmöglichkeiten machen sollten, beispielsweise durch den Ausbau von Wärmenetzen und das Verlegen von Breitbandkabelnetzen. Oder durch Investitionen in erneuerbare Energien. All das tun viele Stadtwerke auch.

Es gibt über tausend Stadtwerke in Deutschland. Wären Zusammenschlüsse oder zumindest eine verstärkte Zusammenarbeit sinnvoll?
Tom Miller: Absolut, es gibt immer mehr Kooperationen. Wenn sich Stadtwerke beim Einkauf von Rohstoffen oder bei der Administration zusammentun, können sie große Synergien heben. Eine Konsolidierungswelle gibt es allerdings nicht, da spielen wohl auch politische Komponenten eine Rolle.

Wie attraktiv sind Stadtwerke für Investoren, als Abnehmer von Anleihen oder als Kreditgeber?
Tom Miller: Fast jedes Stadtwerk hat eine gute Bonität und einen stabilen Cashflow. Deshalb gehören sie für Investoren zu den sehr interessanten Unternehmen.