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Erneuerbare Energien
23.05.2016

Lars Quandel, Abteilungsleiter Energie & Versorger bei der HSH Nordbank, erläutert die Entwicklung beim Ausbau der erneuerbaren Energien und erklärt, was dabei noch besser gemacht werden kann. Die HSH Nordbank gehört im Bereich regenerativer Energien zu den führenden Banken in Europa.

Lars Quandel, Abteilungsleiter Energie & Versorger bei der HSH Nordbank (Foto: Sven Wied)

Um die Beschlüsse der Pariser Klimakonferenz umzusetzen, ist ein Ausbau erneuerbarer Energien notwendig. Merken Sie das bei Anfragen für Finanzierungen von Anlagen?
Lars Quandel: Der Ausbau von Windparks, Photovoltaik-Anlagen und Wasserkraft ist seit vielen Jahren ein großes Thema. Die Zuwachsraten sind sehr hoch. In den vergangenen zehn Jahren sind allein in Deutschland im Bereich dieser erneuerbaren Energien etwa 65 Gigawatt Leistung dazugekommen, das entspricht zirka 50 Atomkraftwerken. In Europa sind es im gleichen Zeitraum sogar 228 Gigawatt. Daran wird die enorme Dynamik deutlich. Heute geht es schon gar nicht mehr darum, ausschließlich die Leistung zu steigern, sondern den Ausbau strategisch zu planen.

Was meinen Sie damit?
Lars Quandel: Wichtig ist, dass die Energie, die produziert wird, auch verbraucht werden kann. In Deutschland wird bereits viel Strom aus erneuerbaren Energien produziert, aber oft an Standorten, an denen nicht viel Industrie vorhanden ist. Zum Beispiel liegen die großen Windparks in Norddeutschland. Der Strom wird jedoch vor allem in den Industriezentren in Süddeutschland gebraucht. Hier muss ein besseres Zusammenspiel zwischen dem Ausbau der Produktionskapazitäten und dem Ausbau der Infrastruktur erreicht werden.

Und wieso funktioniert das bisher nicht?
Lars Quandel: Zum einen liegen die meisten besonders windreichen Standorte im Norden. Zum anderen gibt es gerade im Süden Widerstände gegen einen weiteren Ausbau. So hat zum Beispiel Bayern die sogenannte 10 H-Regel aufgestellt, die die Errichtung von Windkraftanlagen stark reglementiert. Die Folge: Die Zahl der Standorte dort ist stark eingeschränkt.

Ist das Ausbaupotenzial in Deutschland durch diese Regeln ausgeschöpft?
Lars Quandel: Nein, das Ausbaupotenzial ist grundsätzlich sehr groß. Aber der politische Föderalismus und teilweise auch Einwände der Bevölkerung reduzieren die möglichen Flächen. Die Bevölkerung steht hinter der Energiewende, allerdings möchten viele Bürger vermeiden, dass notwendige Infrastrukturmaßnahmen wie der Netzausbau vor der eigenen Haustür umgesetzt werden.

Ist es eine Option, an bisherigen Standorten neue Anlagen zu installieren?
Lars Quandel: Auf jeden Fall. Durch das sogenannte Repowering werden vorhandene, meist ohnehin sehr windreiche Standorte zusätzlich veredelt. Die Stromausbeute lässt sich dadurch vervielfachen.

Die Effizienz der Anlagen hat sich in den vergangenen Jahren ohnehin schon enorm verbessert – sehen Sie weiteres Potenzial?
Lars Quandel: Da wird sich noch viel tun. Die Windanlagen werden größer und leistungsfähiger. Momentan hat eine Standardturbine an Land etwa drei Megawatt Leistung. Es gibt aber schon Entwicklungen in Richtung sechs und mehr Megawatt.

Wie ist der Stand beim Ausbau erneuerbarer Energien außerhalb von Deutschland?
Lars Quandel: Deutschland ist in Europa weit vorne, aber auch andere Länder wie zum Beispiel Norwegen oder Dänemark haben einen hohen Anteil an regenerativer Energie. In südeuropäischen Ländern sind die Voraussetzungen für Solar und teilweise auch Wind ebenfalls gut. Dort ist bereits heute einiges an Produktionskapazität vorhanden. Gerade in Südeuropa lässt sich das Zusammenspiel von Sonne, die tagsüber und vor allem im Sommer scheint, und von Wind, der nachts und im Winter stärker weht, effizient nutzen. Ideal wäre es, Stromproduktion und Stromverteilung in Europa zu verzahnen. Derzeit wird bei Energiethemen stark in Ländergrenzen gedacht.

Ist ein einziges europäisches Netz realistisch?
Lars Quandel: Es gibt ja durchaus ein europäisches Netz. Allerdings wird bei dem weiteren Ausbau eher in Dekaden gedacht und gehandelt anstatt in Jahren.

Können mit erneuerbaren Energien Stromkosten erzielt werden, die es der deutschen Industrie ermöglichen, international wettbewerbsfähig zu sein?
Lars Quandel: Da die Investitionen in die bestehenden konventionellen Anlagen meist abgeschrieben sind, ist Strom aus ihnen teilweise günstiger als der aus erneuerbaren Energien. Aber es gibt kaum noch neue Investitionen in konventionelle Kraftwerke. Der Bau dieser Anlagen ist teuer, dazu kommen die Kosten für Brennstoff. Rechnet man die Komplettkosten, dann sind erneuerbare Energien bereits heute konkurrenzfähig.

Die deutsche Industrie muss also keinen Niedergang fürchten, weil auf erneuerbare Energien umgestellt wird?
Lars Quandel: Nein. Erneuerbare Energien schaffen Arbeitsplätze und tragen dazu bei, dass die Wirtschaft weiter wächst. Die Technik ist auch für den Export sehr interessant – die Bauteile oder auch ganze Anlagen können international verkauft werden. Auch als Arbeitgeber sind diese Betriebe interessant: Derzeit arbeiten allein in Deutschland etwa 350.000 Menschen in diesem Bereich.

Sind erneuerbare Energien für Investoren attraktiv?
Lars Quandel: Absolut. Gerade für institutionelle Investoren, die lang laufende Vermögensgegenstände suchen, sind erneuerbare Energien oder Infrastrukturprojekte, die eine Lebensdauer von über 20 Jahren erreichen, sehr interessant.

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