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18.05.2016

Und was, wenn Großbritannien im Juni beschließt, aus der EU auszutreten? Dr. Cyrus de la Rubia über die möglichen Folgen eines Brexit und weshalb das Referendum auch eine Abstimmung über die Eliten und das Establishment ist.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: Sven Wied)

Am 23. Juni stimmen die Briten über einen Verbleib in der EU ab. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit eines Austritts?
Dr. Cyrus de la Rubia: Derzeit scheint der Ausgang offen – das zeigen zumindest die jüngsten Umfragen. Entscheidend könnte sein, wie hoch die Wahlbeteiligung ist. Es wird aber spannend bleiben, auch weil die Brexit-Befürworter prominente Unterstützer haben, unter anderem Boris Johnson, den beliebten Ex-Bürgermeister von London. Auch einige ausgeschiedene Minister haben sich für Ausstieg aus der EU ausgesprochen.

Was würde ein Austritt Großbritanniens aus der EU bedeuten?
Dr. Cyrus de la Rubia: Das Land würde erheblich leiden. Es könnte zu Turbulenzen an den Finanz- und Aktienmärkten kommen, Großbritannien könnte in eine Rezession rutschen. Allerdings kommt es darauf an, welche Vereinbarungen nach dem Brexit mit der EU getroffen werden. Am wahrscheinlichsten ist eine Art Freihandelsabkommen, mit dem die Briten eingeschränkten Zugang zum Binnenmarkt bekommen, aber keine Personenfreizügigkeit. Aber der Weg dahin wird sehr steinig, die Verhandlungen können bis zu zwei Jahre lang dauern. Die EU wird es den Briten nicht leicht machen. Allein um den anderen EU-Mitgliedern zu zeigen, wie mühsam ein Austritt ist.

Unterm Strich wäre der Schaden für Großbritannien größer als für die EU.
Dr. Cyrus de la Rubia: Davon gehe ich aus. Investitionen von Ausländern in Großbritannien würden zurückgehen, sie werden sich genau überlegen, ob sie neue Produktionsstätten errichten. Dabei geht es um erhebliche Dimensionen: Allein die etwa 2500 deutsche Unternehmen haben zirka 370 000 Beschäftigte in Großbritannien. Generell dürfte das Handelsvolumen zwischen der Insel und der EU schrumpfen, weil alles komplizierter wird.

Wie groß ist die Ansteckungsgefahr eines Brexit für Europa?
Dr. Cyrus de la Rubia: Diese Gefahr besteht. Am größten ist sie in Frankreich, wo im April 2017 ein neuer Präsident gewählt wird. Marine le Pen von der rechtsextremen Front National hat dabei gewisse Chancen – und sie spricht sich ebenfalls gegen die EU aus. Ohne Frankreich ist eine EU nicht vorstellbar. Dieses Szenario halte ich jedoch für sehr unwahrscheinlich. Am Ende wird – hoffentlich – die Vernunft siegen.

Was würde ein Austritt für Unternehmer bedeuten, die in Großbritannien produzieren beziehungsweise starke Handelsbeziehungen dorthin unterhalten?
Dr. Cyrus de la Rubia: Das hängt im Detail natürlich immer von den neuen Vereinbarungen ab. Aber man kann davon ausgehen, dass sich Lieferungen verteuern, weil die Abläufe aufwändiger werden. Wer eine Produktionsstätte in Großbritannien besitzt und von dort in andere Länder liefert, hat mit noch größeren Schwierigkeiten zu kämpfen, weil unklar ist, zu welchen Konditionen von Großbritannien aus in andere Länder geliefert werden kann. Im schlimmsten Fall könnte Großbritannien ja ein einfaches WTO-Mitglied werden, dann gäbe es keinerlei besondere Handelserleichterungen.

Was würde ein Austritt für den Euro bedeuten?
Dr. Cyrus de la Rubia: Gegenüber dem Pfund wird der Euro wohl zunächst aufwerten, gegenüber US-Dollar oder Yen aber wahrscheinlich leiden, das hängt mit der Ansteckungsgefahr zusammen. Würden weitere Länder die EU verlassen, geriete der Euro insgesamt in Gefahr.

Was stört die Briten überhaupt an Europa?
Dr. Cyrus de la Rubia: Ich glaube, sie haben den starken Wunsch, souveräne Entscheidungen zu treffen. Sie wollen sich nicht von Brüssel eingrenzen lassen. Darüber hinaus ist das Referendum auch zu einer Abstimmung über die Eliten und das gesamte Establishment geworden. Deshalb haben die Panama-Papers, in die Premierminister David Cameron über seinen Vater verwickelt ist, nicht gerade geholfen, die Stimmung pro EU zu stärken.

Was haben die Eliten mit Europa zu tun?
Dr. Cyrus de la Rubia: Es geht um ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Politik, der herrschenden Klasse. Viele Engländer haben das Gefühl, von den positiven wirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre nicht profitiert zu haben, weil beispielsweise die Löhne kaum gestiegen sind. Zwar ist die Arbeitslosigkeit gering, aber es gibt viele Jobs, die so schlecht bezahlt sind, dass sich nur ein extrem bescheidenes Leben führen lässt. Wenn gleichzeitig Politiker Finanzkonstruktionen im Ausland unterhalten, die nahelegen, dass Steuern hinterzogen werden sollen, dann sorgt das für Zorn – davon profitieren die Brexit-Befürworter.