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Factoring
30.05.2016

Stefan Ondra ist stellvertretender Leiter der Abteilung Konzernfinanzmanagement der Porr AG, einem der führenden Baukonzerne Österreichs, der sowohl national wie auch international aktiv ist.

Stefan Ondra, stellvertretender Leiter der Abteilung Konzernfinanzmanagement der Porr AG (Foto: PORR AG)

Weshalb nutzt die Porr AG Factoring?
Stefan Ondra: Aus zwei Gründen: Zum einen, um ein Werkzeug in der Hand zu haben, mit dem wir die Höhe unserer  Bilanzsumme zumindest teilweise steuern können. Zum anderen geht es darum, die Liquiditätssituation für den Konzern zu verbessern.

Können Sie näher erläutern, was das heißt?
Stefan Ondra: Durch den off-balance Verkauf, „true sale“ genannt, der Forderungen fallen diese aus der Bilanz heraus. Das hat zur Folge, dass die Bilanzsumme kürzer wird. Gleichzeitig bekommen wir durch die Vorfinanzierungsfunktion des Forderungsverkaufs unser Geld vor der eigentlichen Fälligkeit, also früher als im Vertrag vereinbart. Das ist gut für uns.
 
Entsteht durch Factoring für die Porr AG zusätzlicher administrativer Aufwand?

Stefan Ondra: Ja, es gibt einen gewissen zusätzlichen Aufwand. Allerdings ist der sehr gering. Da die Prozesse sowohl bei uns im Unternehmen als auch bei unserem Factoring Partner, Smart Fact, voll automatisiert sind, geht der Extra-Aufwand im Tagesgeschäft unter. Bei uns macht das eine Person nebenbei. Und das, obwohl wir insgesamt etwa 1200 bis 1500 Debitoren zu verwalten haben.  
   
Ist für Factoring eine besondere IT notwendig?

Stefan Ondra: Auf unserer Seite nicht. Wir brauchen lediglich E-Mail und eine Schnittstelle zu unserem SAP-Programm, um die Debitoren in ein Excel-Format zu ziehen. Bei unserem Factoring-Partner gibt es eine Schnittstelle mit einem externen Provider, bei dem dann die entsprechende Software im Hintergrund läuft.  
 
Factoring bietet einige Vorteile, dennoch nutzen das Verfahren  derzeit nicht sehr viele Unternehmen. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Stefan Ondra: Ich denke, das hängt mit dem nicht sehr guten Image zusammen, das Factoring lange Zeit hatte. Gerade in Deutschland denken manche immer noch: Wer Factoring betreibt, ist quasi schon im Konkurs, weil er bereits seine Forderungen verkaufen muss. In der Bauindustrie kommt dazu, dass wir es selten mit klassischen, abgeschlossenen Rechnungen zu tun haben. Es gibt im überwiegenden Ausmaß Anzahlungsteilrechnungen. Das erschwert das Factoring in unserer Branche.

Welchen Einfluss hat das Zinsniveau auf die Attraktivität von Factoring?
Stefan Ondra: Derzeit einen negativen. Auf der einen Seite müssen Unternehmen für die Dienstleistung Factoring etwas bezahlen. Auf der anderen Seite können die Firmen das Geld, das sie vorzeitig bekommen, aufgrund der aktuell extrem niedrigen Zinsen nicht entsprechend anlegen. Bei einem höheren Zinsniveau sieht das anders aus, dann ist Factoring attraktiver.
 
Verändert Factoring das Verhältnis zu Ihren Kunden?
Stefan Ondra: Überhaupt nicht. Die einzige Veränderung ist, dass der Kunde seine Rechnungen nur auf ein bestimmtes vorgegebenes Konto bezahlen darf. Aber natürlich gibt es immer mal Kunden, die das Factoring ansprechen – das ist aber vernachlässigbar.

Was muss eine Bank besonders gut können, um für ihr Unternehmen als Factoring-Partner in Frage zu kommen?
Stefan Ondra: Zuerst muss sie Verständnis für das Thema Bauforderung aufbringen und sich damit wohlfühlen. Und sie muss die entsprechende Technik beherrschen, damit alles automatisiert und reibungslos ablaufen kann – manuell ist das nicht machbar.