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Geldpolitischer Kommentar
06.04.2016

Macht die Europäische Zentralbank (EZB) Geldpolitik nur für die Schönen und Reichen? Einiges spricht für diese These. Das kann die EZB nicht ignorieren, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Die derzeitige Geldpolitik der EZB unterstützt das Auseinandergehen der bekannten Schere zwischen Arm und Reich. (picture alliance)

Stellen Sie sich vor, Sie haben vor vier Jahren 100.000 Euro in Dax-Aktien angelegt, Ihr Nachbar hat den gleichen Betrag dagegen artig auf das Sparbuch gebracht. Sie haben jetzt etwa 45.000 Euro mehr an Vermögen – denn der Dax-Index hat in diesem Zeitraum um rund 45 Prozent zugelegt, Ihr vorsichtiger Nachbar muss sich dagegen mit einem Zuwachs von rund 1000 Euro begnügen – denn die jährlichen Sparbuchzinsen liegen seit geraumer Zeit unter 0,3 Prozent.

Sie sind jetzt nicht nur reicher als Ihr Nachbar, sondern haben richtig schön Geld verdient. Wem Sie das zu verdanken haben? Unter anderem Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäische Zentralbank, der durch seine Politik des Gelddruckens die Aktienmärkte beflügelt hat. Ihr Anwohner dagegen schimpft auf Mario Draghi, denn der hat ihm die niedrigen Zinsen beschert und ihn relativ ärmer gemacht. Genau genommen hat er sogar weniger Geld, denn die Inflation hat in den vergangenen vier Jahren zu einem realen Kaufkraftverlust geführt. Und dabei wollte er doch auf Nummer sicher gehen und hat das Geld auf das Sparbuch gelegt.

Damit ist in vereinfachter Weise die Debatte skizziert, wie die Notenbank die Vermögensverteilung beeinflusst. Klar, Ihr armer Nachbar hätte auch Aktien kaufen können, das hat ihm niemand verboten, schon gar nicht Mario Draghi. Warum sollte der dann für die relative Verarmung Ihres Nachbarn verantwortlich sein? In der Tat ist die Bereitschaft der Deutschen außerordentlich gering, ihr Geld in Aktien anzulegen. In Zahlen: Etwa 15 Prozent aller Haushalte halten Unternehmensanteile, weit weniger als in den USA, wo der Anteil bei 56 Prozent liegt. Selber schuld, könnte man sagen.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Generell gilt, dass vermögende Haushalte einen höheren Anteil ihrer Werte in Aktien halten als weniger betuchte Haushalte. Das führt gemäß einer Studie der Bundesbank dazu, dass in der Eurozone ein Anstieg der Aktienkurse um zehn Prozent das Vermögen den reichsten fünf Prozent einen dreiprozentigen Zuwachs beschert. Bei den unteren 70 Prozent liegt der Vermögenszuwachs dagegen unter ein Prozent.

Bei Immobilien, deren kräftiger Preisanstieg in deutschen Großstädten im Zusammenhang mit der Geldpolitik stehen dürfte, profitieren vor allem die mittleren Einkommensbereiche, die typischerweise einen relativ hohen Anteil ihres Vermögens in ihr Eigenheim investiert haben. Auch hier zieht der ärmere Teil der Bevölkerung den Kürzeren.

Diese Strukturen und die daraus resultierenden Umverteilungseffekte sind der EZB bekannt – Handlungsbedarf sieht sie aber nicht. Die Zentralbank zieht sich auf das Argument zurück, ihr Mandat sei es, die Preisstabilität zu gewährleisten. Mit anderen Worten: Für Risiken und Nebenwirkungen übernimmt sie keine Haftung.

Im Übrigen – so die EZB – wären viele Menschen durch ihre Geldpolitik wieder in Lohn- und Brot gekommen und dies müsse man bei der Ungleichheitsdiskussion berücksichtigen. Dieses Argument können die Währungshüter zurecht geltend machen für die Jahre 2008/2009 sowie für 2012, als die EZB mit zahlreichen Notmaßnahmen den Zusammenbruch der Finanzmärkte und damit der Wirtschaft verhindert hat. Für die vergangenen Jahre sind diese positiven Effekte auf die Wirtschaft und die Arbeitsmärkte kaum erkennbar. Vielmehr hat sich in den Ländern das Ausmaß der Strukturreformen als entscheidend für das Wirtschaftswachstum erwiesen. Dafür sind Spanien und Irland das beste Beispiel, wo an der Reformfront viel bewegt wurde und das Ergebnis überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum ist. Mit der Geldpolitik hat diese positive Entwicklung wenig zu tun.

Damit ist klar: Die Europäische Zentralbank hat als Feuerwehr in der akuten Krisenzeit einer schweren Rezession vorgebeugt und dadurch eine Verarmung weiter Gesellschaftsteile  vermieden. Mit dem Ende der Sorgen um das Überleben der Währungsunion überwiegen jedoch die negativen Effekte der radikalen geldpolitischen Maßnahmen auf die Vermögensverteilung. Es geht nicht darum, der EZB eine gerechte Vermögensverteilung in das Statut zu schreiben. Sozialpolitik ist nicht die Aufgabe der Notenbanker. Das bisher eindimensional auf Preisstabilität ausgerichtete Mandat der EZB sollte aber unbedingt beinhalten, für eine nachhaltige Stabilität der Finanzmärkte  und mithin die Vermeidung von Vermögenspreisblasen zu sorgen. Genau das würde die geldpolitisch bedingte Verschärfung der ungleichen Vermögensverteilung verhindern.

Dieser Artikel steht in leicht abgewandelter Form auf Finanzen.net.

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