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Blockchain
18.04.2016

Dr. Ingo Fiedler von der Universität Hamburg erklärt das Phänomen Blockchain und wie dieses die Wirtschaft verändern könnte. Die Uni Hamburg und die HSH Nordbank unterhalten eine Kooperation, bei der sie prüfen, wie die Blockchain-Technologie in der Finanzwelt eingesetzt werden kann.

Dr. Ingo Fiedler von der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Hamburg. (Foto: Ingo Fiedler)

Alle sprechen von Blockchain, aber kaum einer weiß, was das genau ist – können Sie uns das bitte kurz erklären?
Dr. Ingo Fiedler: Das kann ich versuchen, allerdings ist die Blockchain ein sehr umfassendes Phänomen und nicht ganz einfach zu beschreiben. In einem Satz würde ich sagen: Die Blockchain ist ein dezentrales Register, das es ermöglicht, Eigentumsverhältnisse transparent abzubilden und sicher zu transferieren.

Und wenn Sie es ausführlicher erläutern?
Dr. Ingo Fiedler: Die Blockchain ist eine IT-Innovation mit hohem disruptivem Potential. Sie ist vergleichbar mit der Entwicklung der Buchhaltung in einem Zentralregister. Aber mit der Blockchain haben wir nicht mehr ein zentrales Buch, in dem alles steht, sondern mehre tausende oder gar hundertausende Bücher, in dem wir die Einträge vornehmen.

Weshalb ist das besser? 
Dr. Ingo Fiedler: Das hat drei wesentliche Vorteile. Erstens führt die Redundanz dazu, dass selbst beim Ausfall eines Registers noch viele andere vorhanden sind. Zweitens ist man nicht auf ein einziges Register angewiesen, das korrumpiert werden könnte. Drittens ist das System sehr effizient, weil keine zentrale Stelle unterhalten und verwaltet werden muss.

Wie können Unternehmen die Blockchain-Technik nutzen?
Dr. Ingo Fiedler: Es gibt sehr viele Anwendungsmöglichkeiten. Die Situation ist vergleichbar mit der des Internets etwa im Jahr 1993: Es ist klar, dass sich sehr viel verändern wird. Aber es ist nicht klar, was genau wann passiert.

Können Sie ein Beispiel für mögliche Anwendungen nennen?
Dr. Ingo Fiedler: Generell gibt es im Zahlungsverkehr sowie im Treasury viele Einsatzmöglichkeiten. Mit der neuen Technik können aber auch Vermögensgegenstände digital abgebildet werden. Wem das digitale Abbild gehört, dem gehört der Gegenstand. Das wäre ein Grundbuch-System für verschiedene Assetklassen. Weil man keinen Notar braucht, entstehen keine hohen Kosten. Anderes Beispiel: Derzeit entwickelt der Energiekonzern RWE Elektroautos, die ihre Batterien über Magnetschleifen an Ampeln aufladen. Das Auto zieht Strom und bezahlt direkt. Bislang können Maschinen miteinander kommunizieren, aber sich nicht gegenseitig bezahlen. Das kann mit der Blockchain möglich werden.
   
Das klingt nach Science-Fiction und sehr kompliziert?
Dr. Ingo Fiedler: Das, was im Hintergrund technisch abläuft, ist auch kompliziert. Aber für die Anwender wird es einfach sein. Das ist wie beim Internet, dessen Protokoll verstehen nur die wenigsten Menschen. Aber alle nutzen es. 

Brauchen die Firmen für die Blockchain bestimmte Rechner oder bestimmte Fähigkeiten?
Dr. Ingo Fiedler: In zehn Jahren wird es so sein, wie heute im Internet – die Nutzer brauchen keine bestimmten Fähigkeiten mehr. Jetzt muss man sich schon mit der Technik auskennen.

Welche Unternehmen können Blockchain am besten nutzen?
Dr. Ingo Fiedler: Ganz klar die gesamte Finanzwelt und dabei zuallererst die Börsen, bei denen Clearing und Settlement schneller und billiger werden kann.
 
Ersetzt die Blockchain Finanzinstitute oder ist sie ein neues Werkzeug für sie?
Dr. Ingo Fiedler: Sowohl als auch. Es könnte sein, dass Finanzinstitute, die sich nicht mit der Blockchain befassen, in 20 Jahren viele Geschäftsfelder verloren haben. Banken, die Blockchain-Anwendungen integrieren, werden hingegen wachsen. Die Blockchain wird die Bankenlandschaft verändern, aber nicht ersetzen.    

Ist die neue Technik manipulierbar?
Dr. Ingo Fiedler: Derzeit sieht es so aus, als ob die Blockchain sicher ist. Aber es ist eine neue Technologie – da ist immer eine gewisse Vorsicht geboten. Wesentliche Prozesse einer Gesellschaft oder eines Unternehmens sollte man nicht schnell und ersatzlos auf eine Blockchain übertragen, sondern zunächst als redundante Systeme laufen lassen.

Wer schreitet ein, wenn es in einer Blockchain zu Unregelmäßigkeiten kommt?

Dr. Ingo Fiedler: Das hängt davon ab, wie die Blockchain-Technologie gestaltet ist. Derzeit ist die Bitcoin-Blockchain die wichtigste. In dieser gibt es eine Art Abstimmung, wenn sich etwas ändern soll. Abstimmen können die sogenannten Miner, die in der Kette mitrechnen.

Wer sind die Miner?
Dr. Ingo Fiedler: Anfangs waren das Privatpersonen. Mittlerweile sind es Unternehmen, die große Rechenzentren unterhalten mit gigantischen Servern. Die können nur in Ländern mit niedrigen Energiekosten profitabel betrieben werden. Als Lohn für die Rechenleistung, mit der eine Transaktionswelle bestätigt wird, erhalten die Miner 25 Bitcoins, die wiederum einen Marktpreis haben – derzeit etwa 370 Euro pro Bitcoin. 

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Blockchain und Bitcoin? 
Dr. Ingo Fiedler: Bitcoin ist die erste Blockchain. Es ist immer noch die größte und wichtigste – es kann sich aber auch eine andere Blockchain durchsetzen. Derzeit ist die Blockchain Ethereum besonders interessant.

Aber Bitcoin ist auch Zahlungsmittel?

Dr. Ingo Fiedler: Einer Blockchain liegen in der Regel handelbare Tokens, eine Art Währung, zu Grunde. Da deren Anzahl begrenzt ist, haben sie einen Marktwert. Derzeit haben beispielsweise alle Bitcoins zusammen eine Marktkapitalisierung von etwa sechs Milliarden US-Dollar.

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