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Demografischer Wandel
06.04.2016

Der renommierte Ökonom Thomas Straubhaar widersetzt sich in seinem neu erschienen Buch „Der Untergang ist abgesagt“ dem wachsenden Demografie-Pessimismus.

Das Buch »Der Untergang ist abgesagt« erschien im März 2016 in der edition Körber-Stiftung. (Foto: Körber-Stiftung)

Im Meer von Meldungen und Büchern über Krieg, Crash und Katastrophen endlich wieder ein Werk, das sich dem Pessimismus widersetzt. Und das ausgerechnet mit dem Thema Demografie, wo doch jedem klar ist, dass wir vor einem „Alterungs-Tsunami“ stehen. Oder etwa nicht? Der renomierte Ökonom und Professor an der Universität Hamburg, Thomas Straubhaar, lanciert unter anderem zwei Thesen: Erstens, der demografische Wandel stellt sich in den Zahlen dramatischer dar, als er in Wirklichkeit ist. Und zweitens: Selbst wenn es zum Bevölkerungsschwund kommt, so ist dieser für Deutschland eher ein Segen als ein Fluch. Dankenswerterweise gelingt es Straubhaar zudem in diesem Zusammenhang, die Zuwanderungsdebatte auf eine sachliche Ebene zu stellen.

Mit plastischen Beispielen macht der ehemalige Direktor des Hamburgischen WeltwirtschaftsInstituts deutlich, warum er für die Zukunft Deutschlands zuversichtlich gestimmt ist und die Schwarzmalerei vieler Auguren nicht teilt. So haben seiner Ansicht nach „die Alten von morgen mit ihren Großeltern so viel gemeinsam wie das Telefon der 1950er Jahre mit dem Smartphone von heute“. Kurz: Die Menschen werden zwar älter, sie sind im Durchschnitt aber auch länger wesentlich leistungsfähiger. In diesem Kontext stellt das Buch auch fest, dass der berühmte Fachkräftemangel auf die Fehler der Manager zurückzuführen ist: „Fachkräftemangel ist Führungsmangel“. Wenn Menschen ab 55 Jahren zum „rostigen Eisen“ geworfen werden, wenn Teilzeit für Führungskräfte kategorisch abgelehnt wird und das Potenzial der vielen ausgezeichnet ausgebildeten Frauen von den Unternehmen nicht genutzt wird, dann hat das mit Demografie nicht viel zu tun. Angesichts der für Arbeitnehmer offenen Grenzen in der EU wirke die Debatte ohnehin „provinziell“. Denn die Firmen müssten sich fragen, warum sie es nicht schaffen, für Fachkräfte aus dem Ausland attraktiv zu sein, statt auf das Stereotyp der demografischen Entwicklung hinzuweisen.

Die Zuwanderung ist keine „eierlegende Wollmilchsau“

Die Zuwanderung ist für den gebürtigen Schweizer keine „eierlegende Wollmilchsau“, sondern eine Chance, die man durch eine möglichst einfache Steuerung nutzen kann. Man dürfe sich nicht der Illusion hingeben, dass es den Idealtypus des Zuwanderers gibt, der dem Bedarf der deutschen Wirtschaft genau entspricht. Da sieht Straubhaar Deutschland aber durchaus auf einem guten Weg, nachdem im Jahr 2005 das Zuwanderungsgesetz verabschiedet wurde.

Besonders spannend wird das Buch, wenn es um den Segen der Alterung geht. So prognostiziert der Ökonom Straubhaar, dass die Digitalisierung viele Jobs „überflüssig machen“ wird und wir deswegen froh sein sollten über den Rückgang der Erwerbsbevölkerung. Deutschland wird nicht „zum Altersheim“, sondern hat die „besten Jahre noch vor sich“, denn die Veränderungen durch die Demografie bergen Chancen, die sich positiv auf die Lebensqualität auswirken.

Straubhaar betont in der Einleitung des Buches, dass er klar Position bezieht und parteiisch ist. Und dennoch gelingt es ihm, die Probleme von vielen Seiten zu beleuchten, so dass man die Argumente letztlich doch als objektiv abgeleitet wahrnimmt. Das Buch ist zweierlei: Es macht Hoffnung auf eine gute Entwicklung unserer Gesellschaft, trotz oder gerade wegen der vielen Herausforderungen. Und es ist eine Mahnung an die Politik und die Wirtschaft, das Aufgebaute nicht leichtfertig zu verspielen. Fazit: Absolut lesenswert für alle, denen gesellschaftliche Themen am Herzen liegen.