SUCHE

18.03.2016

Daten statt Waren? Die Ökonomen Professor Dr. Thomas Straubhaar und Dr. Cyrus de la Rubia diskutieren über die Zukunft des Welthandels.

Jahrzehntelang war das Welthandelsvolumen eine entscheidende Messgröße für den Zustand der Weltwirtschaft. Es galt die Faustformel: Wachstum des Welt-BIP mal zwei gleich Anstieg des Welthandelsvolumens. Zuletzt hat der Handel weniger zugenommen. Was ist passiert?

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Wir erleben eine Zeitenwende. Wir sehen, dass gleichermaßen konjunkturelle wie strukturelle Aspekte zu einer Verlangsamung des Welthandels führen. Die konjunkturellen Gründe sind das schwächere Wachstum in China und die niedrigen Rohstoffpreise. Dazu kommen strukturelle Effekte, die mittel- und langfristig wirken wie neue Technologien, die Handelsströme von Gütern mehr oder weniger ersetzen.

Die goldene Zeit des Handels ist also vorbei?

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Ja, die goldene Zeit des Handels im Sinne eines Massengeschäfts ist vorüber. Die Fixierung auf die Quantität stößt an Grenzen. Die Mengen lassen sich nicht beliebig weiter steigern. Bei der Quantität des Handels haben wir den Höhepunkt erreicht beziehungsweise überschritten. Stärker als früher müssen wir unsere Überlegungen auf Qualität ausrichten und mit den durch die Digitalisierung möglichen Veränderungen spiegeln.

Herr de la Rubia, Sie haben einen Welthandelsindex entwickelt, der unter anderem den Containerumschlag abbildet. Hat der Index angesichts der beschriebenen Entwicklung noch eine Aussagekraft?

Dr. Cyrus de la Rubia: Natürlich hat er eine Aussagekraft. Er zeigt übrigens, dass die Umschläge in den großen Häfen 2015 gesunken sind. Anders als der Kollege Straubhaar mache ich dafür aber zyklische Faktoren verantwortlich.

Welche?

Dr. Cyrus de la Rubia: Zum einen sehen wir eine Verlangsamung der Wachstumsdynamik der Weltwirtschaft. Gleichzeitig erleben wir in China einen ganz speziellen Effekt: Nach dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation Anfang des neuen Jahrtausends ist eine extreme Dynamik entstanden. Die hat mittlerweile nachgelassen. Und eins darf man auch nicht vergessen: Wir sehen zwar beim Transport in Containern einen Rückgang. Bei Massengutfrachtern beobachten wir aber eine moderate Steigerung genau wie bei Tankern. Also: Von einem umfassenden Rückgang oder dem Ende des Handels kann keine Rede sein.

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, im Gespräch. (Foto: Sven Wied)

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die künftige Entwicklung der Handelsvolumina?

Dr. Cyrus de la Rubia: Die Digitalisierung spielt eine immer größere Rolle und ein zunehmender Teil der wirtschaftlichen Realität spielt sich in der digitalisierten Welt ab. Teilweise verdrängt Digitalisierung den Handel mit bestimmten Gütern, vor allem aber können Wertschöpfungsketten durch die Digitalisierung noch effizienter gestaltet werden. Das heißt Digitalisierung und Handel stehen in einem komplementären Verhältnis zueinander.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Die Digitalisierung wird den Handel nicht ersetzen, aber ihn stark verändern. Mein Paradebeispiel ist die Musik: Früher wurden Schallplatten produziert und verschifft. Heute wird Musik gestreamt. Ich sehe eine klare Verlagerung von Güterhandel in Richtung Daten-, Wissens- oder Informationshandel. Die Dynamik des Handels mit Dienstleistungen ist bereits jetzt um ein Vielfaches höher als die Dynamik des Güterhandels. Die Gewichte werden sich noch stärker verlagern.

Wie muss ich mir das vorstellen: Statt fertiger Produkte werden künftig Produktionsdaten verschickt und vor Ort mit 3-D-Druckern hergestellt?

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Der 3-D-Drucker wird nicht nur in Wohnungen, sondern eher in Produktionshallen stehen. Meine These ist: Mit wachsendem Wohlstand wollen die Menschen immer stärker individualisierte Produkte. Da sehe ich gewaltige Chancen für die Digitalisierung. In der Medizintechnik kann das große Fortschritte bringen: Hüftgelenke, Prothesen, Brillen – in diesen Bereichen wird nach und nach eine dezentrale Fertigung stattfinden. Wenn man für die Patienten die benötigten Elemente maßgeschneidert beziehungsweise maßgedruckt und damit passgenau vor Ort fertigt, ist das ein großer Fortschritt – und diese Optionen sind sehr realistisch.

Dr. Cyrus de la Rubia: Das hört sich in der Tat realistisch an, zumal wenn die Kliniken sich dann spezialisieren und die Patienten in die jeweilige Spezialklinik kommen, um sich behandeln zu lassen. Dann müssen die Prothesen nicht zum Patienten transportiert werden, sondern die Patienten gehen zu dem Ort, wo die Prothesen eingesetzt werden. Aber kann man das auf andere Produkte übertragen? Warum sollte ich Autos dezentral produzieren oder Computer an vielen verschiedenen Orten produzieren, wenn ein Hersteller die Möglichkeit hat, die Skaleneffekte zu nutzen, die es ja auch bei 3D-Druckern gibt. Dazu kommt, dass die Drucker mit Material gefüttert werden müssen, auch das muss transportiert werden.

Es gibt viele Länder mit einem enormen Nachholbedarf. In Asien leben 60 Prozent der Weltbevölkerung, die wollen westliche Standards haben. Auch Afrika wird sich entwickeln. Gibt das nicht einen großen Schub für den Welthandel?

Dr. Cyrus de la Rubia: Ich glaube, in diesen Ländern ist auch eine gute Infrastruktur notwendig, die Menschen wollen Autos haben, Kühlschränke, Fernsehgeräte. Da liegt weiterhin ein großes Potential für den Handel. Mit dem Schub muss man aber vorsichtig sein, denn der Superzyklus Chinas, der dem Welthandel eine große Dynamik verliehen hat, wird sich kaum auf andere Länder wie Indien oder afrikanische Staaten übertragen lassen. Der Grund ist einfach: Die Entscheidungsstrukturen sind dort deutlich zäher und komplizierter als im zwar autoritär, aber eben auch effizient regierten China.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Es ist aber durchaus möglich, dass manche Technologien übersprungen werden. Ein Beispiel: Die Dichte von Mobile Banking ist in Afrika sehr hoch – obwohl der Kontinent nicht am weitesten entwickelt ist. Die haben die Bankfilialen einfach ausgelassen.

Welche Rolle spielt der aufkeimende Nationalismus für den Welthandel?

Dr. Cyrus de la Rubia: Das ist ein klares Risiko für den Welthandel. Nationalismus führt oft zu Protektionismus, zu einem Abwertungswettlauf und dem Aufbau von Handelshemmnissen. Das alles kann in einer Abwärtsspirale münden. Eine weitere Gefahr ist natürlich der Terror. Ich bin langfristig aber optimistisch, dass die Länder, die sich abschotten, erkennen, dass ihnen Offenheit mehr Vorteile bringt.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Ich sehe in dem Nationalismus und Protektionismus eine strukturelle Veränderung und ein längerfristiges Phänomen. Und das ist keine gute Nachricht. Diese Trends hängen damit zusammen, dass wir es in den vergangen 30 Jahren versäumt haben, Fragen der Verteilungsgerechtigkeit zu berücksichtigen.

Was heißt das?

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Selbst wenn es allen besser geht, so hat sich doch die Schere zwischen arm und reich weiter geöffnet. Die Menschen fühlen sich ungerecht behandelt. Sie sind nicht bereit zu akzeptieren, dass einige viel mehr und andere deutlich weniger von der Globalisierung profitieren. Das sieht man ganz extrem in Lateinamerika. Der Protektionismus wird zu einer Stärkung der lokalen Produktion und der Dezentralisierung vieler Prozesse führen.

Professor Dr. Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg und Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

Professor Dr. Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg (li.) und Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (re.). (Foto: Sven Wied)

Derzeit diskutieren die Briten über einen Austritt aus der EU, die Verhandlungen zu TTIP drohen zu scheitern. Sind das Zeichen dafür, dass freier Handel nicht mehr so wichtig ist?

Dr. Cyrus de la Rubia: TTIP würde ich nicht zu hoch hängen. Es gab schon andere Verhandlungen, die gescheitert sind, ohne dass der Handel zusammengebrochen ist. Auch wenn ich persönlich nicht verstehe, weshalb gerade viele Deutsche gegen TTIP sind. Kaum ein anderes Land würde so stark profitieren wie das exportstarke Deutschland.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Wenn wir glauben, wir können die Digitalisierung ohne die USA schaffen, dann täuschen wir uns sehr. Wir werden gegen die USA keine global gültigen Standards setzen können. Das ist utopisch. Wenn wir die amerikanischen Digitalisierungsmonopole irgendwie regulieren wollen, geht das nur mit den USA und nicht gegen die USA.  

Auf dem Pariser Klimagipfel, wurde beschlossen, aus fossilen Brennstoffen langfristig auszusteigen. Diese Brennstoffe werden aktuell über die Weltmeere transportiert. Welche Auswirkung könnten die Beschlüsse auf den Handel haben?

Dr. Cyrus de la Rubia: Das hängt von vielen Faktoren ab. Zum einen: Über welchen Zeitraum wird sich diese Entwicklung vollziehen? Zum anderen: Wie viele Länder setzen die Beschlüsse dann tatsächlich um? Wir hatten es bereits angesprochen: Viele Länder haben einen hohen Nachholbedarf. Der Energiebedarf wird weiter steigen. Aber selbst wenn beispielsweise entschieden wird, Kohle innerhalb von zwanzig Jahren aus dem Energiemix zu verbannen – das würde dem Boom bei alternativen Energiearten einen enormen Schub geben, was wiederum den Welthandel beflügeln würde.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Ich sehe das anders. Ich denke, es kann langfristig einige Strukturbrüche geben. Energie kann künftig viel dezentraler produziert werden. Dafür gibt es in Afrika schon Beispiele: Mit Solarpanelen wird lokal Strom produziert und vor Ort verbraucht. Auf diese Art wird Wertschöpfung wieder in die Länder zurückgeholt.

Deutschland ist Exportweltmeister – da ist ein schrumpfender Handel eine schlechte Perspektive. Dienstleistungen können schlecht exportiert werden. Also: Was ist zu tun?

Dr. Cyrus de la Rubia: Deutschland hat eine Produktionsstruktur, die international auf absehbare Zeit gebraucht wird. Die mittelständisch geprägte Maschinenbauindustrie wird auch in den nächsten Jahrzehnten ihre Produkte in aufstrebende Länder ausführen. Und natürlich kann man Dienstleistungen exportieren, das wird auch schon gemacht, Beispiel Softwareerstellung. Da liegt ein großes Potential.

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Wir müssen die Werthaltigkeit der Exporte steigern. Wir sollten nicht Exportweltmeister bei der Menge, sondern bei der Wertschöpfung sein. Da spielen Daten, Wissen und Informationen eine wichtige Rolle – und das hat wiederum mit der Digitalisierung zu tun.
  
Mehr Wertschöpfung, höhere Qualität: Bedeutet das, dass wir als Gesellschaft mehr in Bildung investieren müssen?

Professor Dr. Thomas Straubhaar: Wir werden große Veränderungen haben, darauf müssen wir reagieren. Wir brauchen Menschen, die Data Economics verinnerlicht haben und mit Big Data umgehen können, die Algorithmen schreiben, die Geschäftsmodelle entwickeln. Weniger denn je können wir Daten aus der Vergangenheit nutzen, um abzuleiten, was in der Zukunft sein wird. Es werden sich viele neue Chancen ergeben, aber die Erfolgsmodelle der Vergangenheit lassen sich nicht fortschreiben.

Professor Dr. Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, im Gespräch. (Foto: Sven Wied)