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04.01.2016

Steigende Kurse, große Schwankungen – Oliver Neckel, Leiter des Wealth Managements der HSH Nordbank, zieht eine Bilanz des Börsenjahres 2015 und gibt einen Ausblick auf die Kapitalmärkte im laufenden Jahr.

Oliver Neckel, Abteilungsleiter Wealth Management der HSH Nordbank

Oliver Neckel, Leiter Wealth Management der HSH Nordbank (Foto: Marco Grundt)

Das Börsenjahr 2015 war zuerst von einem starken Aufschwung, dann von einem deutlichen Abschwung gekennzeichnet. Am Schluss stand beim Dax ein Plus. Wie bewerten sie 2015?
Oliver Neckel: Gerade in Deutschland haben wir eine robuste wirtschaftliche Entwicklung gesehen, in Europa war insgesamt eine moderat positive Tendenz zu verzeichnen. Das ganze Jahr haben wir auf die Zinswende in den USA gewartet, die dann erst im Dezember kam. Gleichzeitig hat die Europäische Zentralbank ihre lockere Geldpolitik fortgesetzt. Der Ölpreis fiel, das hat die Börsen belastet. Daneben war 2015 von dem Krieg in Syrien und den damit verbundenen humanitären Herausforderungen geprägt. Dazu kam der Terror, Stichwort: Anschläge in Paris. Unterm Strich war das Jahr 2015 turbulent und von hoher Volatilität geprägt.

Die amerikanische Zentralbank hat Ende 2015 die Zinswende eingeleitet. Welche Folgen für die Aktienmärkte und den Euro werden die höheren Leitzinsen in den USA haben?

Oliver Neckel: Ich glaube, aus heutiger Sicht wird das keine Auswirkungen haben.

Und weshalb nicht?
Oliver Neckel: Diese Erhöhung haben die Märkte schon eingepreist. Die Anleger haben lange auf diesen Schritt gewartet. Zudem ist die Anhebung nur sehr moderat.

Aber durch die Zinswende dürften US-Anleihen künftig höher rentieren. Fließt dadurch mehr Kapital in die USA?
Oliver Neckel: Das könnte eine Folge sein. Aber die Zinsanhebung ist so gering, dass sie kaum eine Rolle spielen dürfte. Die Anleger betrachten die Wirtschaftsräume und analysieren, welche Chancen und Risiken es dort gibt – das ist  wichtiger als ein marginaler Zinsunterschied.

China war lange Zeit ein wichtiger Motor der Weltwirtschaft. Nun geht dort das Wachstum zurück. Was bedeutet das?

Oliver Neckel: Das hat zuerst einmal Folgen für die Anrainerstaaten, die stark von der Entwicklung in China abhängig sind. Die chinesische Wirtschaft legt aber weiter zu. Das Plus beträgt mittlerweile sechs oder sieben statt zehn oder zwölf Prozent. 

Immerhin: Das Schwungrad der Weltwirtschaft dreht sich nicht mehr so schnell.

Oliver Neckel: Korruptionsbekämpfung, Arbeitsmarktreformen, besserer Umweltschutz – China geht viele wichtige Themen an. Die strukturellen Veränderungen führen zu nachhaltigem Wachstum und zu mehr Stabilität. Das ist positiv. Zudem darf man eins nicht vergessen: Die chinesische Wirtschaft hat ein so hohes Niveau erreicht, da ist es schwierig, weiter zweistellig zuzulegen. Aber auch für China gilt: Die Volatilität an den Kapitalmärkten ist hoch. Das sehen wir gerade wieder.   
 
Brasilien, Russland, Indonesien – die Hoffnungen in die  Emerging Markets sind zuletzt enttäuscht worden. Schaffen diese Länder den Weg zurück zum Wachstum?
Oliver Neckel: Ich glaube, die Emerging Markets werden eher ein flaches Wachstum erleben – aber auch sie werden weiter wachsen.

Die Rohstoffpreise sind 2015 stark gefallen. Öl ist so billig wie vor zehn Jahren. Ist das eine Art Konjunkturprogramm?
Oliver Neckel: Das lässt sich nicht so eindeutig sagen. Der Preisverfall geht zu schnell. Die negativen Folgen für die Unternehmen rund um Öl und Rohstoffe sind groß –Arbeitsplätze gehen verloren, Investitionen werden gestoppt.

Aber die Verbraucher freuen sich.
Oliver Neckel: Klar, für Autofahrer und Leute mit einer Ölheizung ist das eine tolle Sache. Wenn alle das durch die niedrigen Energiekosten eingesparte Geld ausgeben, würde die Wirtschaft profitieren. Wenn das Geld hingegen auf den Sparkonten landet, steigt lediglich das Geldvermögen.

Glauben Sie, dass die Energiepreise 2016 weiter niedrig bleiben?

Oliver Neckel: Wir gehen davon aus, dass sie wieder steigen. Das Öl sehen wir auf 50 US-Dollar pro Barrel klettern.   

Krieg in Syrien, Terror in Europa, Großbritannien überlegt die EU zu verlassen. Wie werden sich die politischen Unsicherheiten auf die Börsen auswirken?
Oliver Neckel: Aus heutiger Sicht würde ich sagen, diese Effekte wirken sich gar nicht auf die Börsen aus – so war es zumindest bislang. Nach den Terroranschlägen von Paris hat sich gezeigt, dass es in der westlichen Welt eine Art  Trotzreaktion gibt.

Würde der Austritt Großbritanniens die EU stark erschüttern?

Oliver Neckel: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass selbst bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU alle Verbindungen mit dem Land gekappt werden. Aber es stimmt: Ein Austritt  würde die Märkte stark beunruhigen, weil er als der Anfang vom Ende der EU in der jetzigen Form interpretiert werden könnte.
Und: mit Großbritannien verließe ein sehr wachstumsstarkes Land die EU.
 
Auf dem Sparbuch gibt es keine Zinsen, die Renditen bei Anleihen sind minimal. Was empfehlen Sie den Anlegern?
Oliver Neckel: Generell kommt es auf die Streuung des Vermögens an. Dabei ist es natürlich sinnvoll, in Aktien zu investieren. Sie bleiben aus meiner Sicht attraktiver als Rententitel – auch weil die Dividenden attraktiv sind. Allerdings muss man Schwankungen aushalten können.

Ist eine Anlage in Aktien also nur etwas für Menschen mit starken Nerven?
Oliver Neckel: Anlegerinnen und Anleger müssen raus aus der Komfortzone. Es liegt zu viel Vermögen auf Tages- und Termingeldkonten, wo es praktisch gar nicht verzinst wird. Nur weniger als zehn Prozent der Privatanleger sind in Aktien investiert, da gibt es Handlungsbedarf. Mit einem Teil des Vermögens, den sie für ein paar Jahre entbehren können, sollten Anleger Aktien kaufen.  

Welche Aktien empfehlen Sie denn?
Oliver Neckel: Ich möchte keine konkreten Tipps geben, aber eins scheint mir wichtig: Deutsche Anleger blicken häufig nur auf Deutschland. Ich würde empfehlen, den Blick zu weiten. Eine internationale Ausrichtung ist sinnvoll.  

Sind Immobilien – trotz gestiegener Preise – eine Alternative?
Oliver Neckel: Die Preise, die wir sehen, sind oft sehr hoch. Viele unserer Kunden sind ohnehin in Immobilien investiert – allein, weil ihnen das Haus gehört, in dem sie wohnen.

Was ist mit Gold?
Oliver Neckel: Wir erleben eine spannende Phase, in der einiges von dem, was wir gelernt haben, über den Haufen geworfen wird – auch in Bezug auf die Korrelationen verschiedener Anlageklassen. Früher galt: In einer Krise steigt der Goldpreis. Zuletzt haben wir politische Turbulenzen gesehen. Der Goldpreis ist dennoch gefallen. Gold ist dann interessant, wenn ein System droht, zusammen zu brechen – aber das sehe ich derzeit nicht.    

Wie steht der Dax Ende 2016?
Oliver Neckel: Zum Jahresende 2016 erwarten wir den Dax bei 11800 Punkten.

Eine sehr optimistische Schätzung.

Oliver Neckel: Ja, aber wir gehen davon aus, dass große Teile der vorhandenen Liquidität in die Aktienmärkte fließen wird. Zudem prognostizieren wir ein solides Wachstum der Weltwirtschaft. Gleichzeitig sind die Dividenden attraktiv und das Zinsniveau bleibt niedrig. Aber genau wie dieses Jahr wird auch 2016 von starken Schwankungen geprägt sein. Insgesamt sollte es aber ein gutes Jahr für Aktien werden.