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Handelsbeziehungen
03.11.2015

Der Ökonom und Amerikakenner Professor Dr. Thomas Straubhaar erklärt, welche Themen das Verhältnis zwischen EU und den USA belasten und weshalb das Freihandelsabkommen TTIP für Europa besonders wichtig ist.

Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen der Universität Hamburg und non-resident Fellow an der Transatlantic Academy in Washington DC.

Sie waren ein Jahr lang viel in den USA und in Südamerika unterwegs. Welche Eindrücke haben Sie mitgebracht?
Thomas Straubhaar: Auf jeden Fall ist in diesem Jahr meine Sorge gewachsen, dass sich die USA und die Europäische Union weiter voneinander entfernen. In den USA wird das Verständnis für europäische Sorgen und Probleme eher kleiner als größer. Die Amerikaner verstehen nicht mehr, wie sie von den Europäern betrachtet werden: eher als Freunde oder als Gegner.  
 
Welche europäischen Sorgen verstehen die Amerikaner nicht?

Thomas Straubhaar: Da gibt es drei Themen, bei denen weder die amerikanische Regierung noch die breite Öffentlichkeit verstehen, wie die Europäer ticken. Erstens die Eurokrise. Also die Frage, wie Europa mit den finanziellen Problemen Griechenlands umgeht und weshalb es keine klare Entscheidung gibt. Fast alle führenden Ökonomen, darunter einige Nobelpreisträger, halten die Griechenland auferlegte Sparpolitik für falsch.

Was sind die beiden anderen Probleme, die in den USA Unverständnis wecken?
Thomas Straubhaar: Das zweite ist das Flüchtlingsthema. Die USA begreifen Syrien und den Nahen Osten als den Hinterhof der Europäer. Sie wollen dort nicht wieder und erneut eingreifen und fordern, dass die Europäer selber eine Lösung finden, die Stabilität bringt. Das dritte Thema ist das Freihandelsabkommen TTIP. Die Amerikaner halten ihre Standards für schärfer als die europäischen und verstehen die Kritik der Europäer nicht. Als Paradebeispiel für die Doppelmoral Europas dient ihnen der Skandal um Volkswagen.

Trotz aller Irritation: Ist Europa für die USA noch ein wichtiger Partner? 
Thomas Straubhaar: Auf jeden Fall. Die Weltwirtschaft besteht derzeit aus drei großen Blöcken, die in etwa ähnliche wirtschaftliche Kennziffern aufweisen: Südostasien inklusive China, die USA und Europa. Als solches Schwergewicht wird Europa auch wahrgenommen. Es ist aber kein Zufall, dass die USA im September unter anderem mit Japan, Kanada, Mexiko, Australien, Neuseeland das TPP abgeschlossen haben – das transpazifische Handelsabkommen, dem in Kürze wohl mit Indonesien und Korea zwei weitere Schwergewichte angehören werden. Viele Amerikaner denken, ihre Zukunft liege eher im pazifischen als im atlantischen Raum. Und bei der Frage, wer im Jahr 2050 die Welt dominieren wird, haben die USA nur zwei Länder im Blick: Die USA und China. Europa spielt da nur eine Nebenrolle.

Europa hat also schon an Bedeutung verloren?
Thomas Straubhaar: Ja, auf jeden Fall. Für die USA ist das nicht so schlimm, denn das Land wird ohne Europa vorankommen. Europa kommt aber nicht ohne die USA zurecht. Das ist eine asymmetrische Interessenlage.

Wieso nicht?
Thomas Straubhaar: Es ist eine bittere Erkenntnis, dass die Globalisierung ins Stocken geraten ist. Wir sehen eine Rückkehr zum Nationalismus, in den USA, aber auch in Europa denken viele Bevölkerungen und ihre Regierungen wieder viel stärker national. Die Entwicklung trifft Europa besonders, weil der Wohlstand hier vor allem vom Handel und vom Export abhängt. Damit das funktioniert, bedarf es weltweit gültiger und praktizierter Regeln, die vereinbart und eingehalten werden. Europa kann diese Weltordnung aber weder alleine etablieren noch durchsetzen. Das geht nur gemeinsam mit den USA.    

In Europa wird manchmal ein Bild von den USA gezeichnet, das wenig positiv ist: schlechte Infrastruktur, schlechte Bildung, schlechte medizinische Versorgung. Wie haben Sie das erlebt?   Thomas Straubhaar: Ähnlich. Wenn man längere Zeit dort lebt, bestätigen sich diese Vorurteile nicht für die Spitze, also die Oberschicht, aber für die Breite, den Mittelstand und die Arbeiterschicht weitgehend. Die großen Themen des täglichen Leben sind dort bei Weitem nicht so gut gelöst wie es in Deutschland für die breite Masse der Fall ist: Infrastruktur, Gesundheit, Bildung. Das ist die schlechte Seite. Die gute Seite ist: In USA entsteht sehr viel Neues! Dynamik und Innovation entsteht vor allem in USA – oft auf der Basis europäischer und deutscher Erfindungen. Bei der Digitalisierung sind uns die Amerikaner voraus. Ähnlich ist es in der Biotechnologie und der Pharmazie. Die ökonomischen Wachstumsimpulse kommen aus den USA. Die US-Wirtschaft könnte nächstes Jahr um etwa drei Prozent und damit fast doppelt so stark wachsen wie der Euro-Raum, die Arbeitslosigkeit ist gerade mal halb so hoch wie im Euro-Raum.

Kann man also sagen: Die Amerikaner leben nicht so gut wie die Deutschen, haben aber einen größeren Willen, sich wirtschaftlich zu verbessern? 
Thomas Straubhaar: Ja, das Niveau ist tiefer aber die Dynamik ist stärker. Die USA sind eine Einwanderungsgesellschaft und eine Mobilitätsgesellschaft – auch im wirtschaftlichen Sinn. Die Chance nach oben zu kommen, wird gesucht und findet statt, wenn auch längstens nicht mehr so ausgeprägt wie in früheren Zeiten.

In Europa gibt es eine große Skepsis gegen TTIP. Wie wird das in den USA wahrgenommen?

Thomas Straubhaar:  Auch in den USA gibt es Kritik an TTIP. Die Mehrheit der Bevölkerung sieht TTIP skeptisch, denn sie fürchten eine Aufweichung der strengen amerikanischen Standards, gerade im Lebensmittelbereich. Zudem sehen sie beispielsweise die Gentechnik als große Chance, um den Hunger auf der Welt zu besiegen. Sie verstehen die Ablehnung der Europäer in diesem Bereich überhaupt nicht.

Ist TTIP für Europa wichtiger als für die USA?
Thomas Straubhaar: Ja, denn Deutschland exportiert viel mehr in die USA als die USA nach Deutschland. Das gilt auch für die Direktinvestitionen: Deutsche Firmen sind weit stärker in den USA präsent als amerikanische in Deutschland. Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Gerade diese Unternehmen würden davon profitieren, wenn mit dem Abschluss von TTIP die Regulierungskosten und damit die Fixkosten sinken.