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Willkommenskultur

„Diese Zuwanderung wird unsere Gesellschaft verändern“

27.10.2015

Der Präses der Handelskammer Hamburg, Fritz-Horst Melsheimer, erklärt, wie Flüchtlinge dazu beitragen können, den Fachkräftemangel in der deutschen Wirtschaft zu beheben.

Fritz-Horst Melsheimer, Präses der Handelskammer Hamburg (Foto: Christian Stelling)

Herr Melsheimer, Sie haben den Flüchtlingsandrang als „größte Herausforderung seit der Wiedervereinigung“ bezeichnet. Ist diese Dimension nicht zu hoch gegriffen?
Fritz-Horst Melsheimer: Nein, vielleicht ist die Aufgabe sogar noch größer als die Wiedervereinigung. Man muss sehen, um wie viele Menschen es sich handelt: Die letzten Prognosen gehen von eineinhalb Millionen Flüchtlingen allein in diesem Jahr aus. Hinter jedem Flüchtling, der hierher kommt, stehen im Durchschnitt weitere drei Personen, die nach Deutschland nachziehen wollen. Das sind enorme Dimensionen. Diese Zuwanderung wird unsere Gesellschaft verändern.

Wie kann Deutschland diese Aufgabe bewältigen?

Fritz-Horst Melsheimer: Zuerst einmal brauchen wir gesicherte Informationen über die Menschen, die zu uns kommen. Wir wissen viel zu wenig über ihre Fähigkeiten, ihre Geschichte. Zweitens: Ich sehe in unserer Bevölkerung eine große Hilfsbereitschaft – aber die muss besser organisiert werden. Deshalb fordern wir als Kammer einen Flüchtlingsgipfel. Drittens müssen wir die Menschen in Lohn und Brot bekommen.

Wie und inwieweit können Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden?
Fritz-Horst Melsheimer: Die Basis ist natürlich die Beherrschung der deutschen Sprache, aber auch eine feste Bleibeperspektive ist wichtig. Dann müssen wir abgleichen, was die Flüchtlinge können und welchen Bedarf es in der Wirtschaft gibt. Eine Stelle, die genau das leistet, will der Senat in Zusammenarbeit mit uns einrichten. Wir als Kammer haben ein Patenschaftsmodell ins Leben gerufen. Die Idee ist, jedem Flüchtling, der sich integrieren will, einen Paten zur Seite zu stellen. Ich verspreche mir davon sehr viel, denn die Menschen, die zu uns kommen, haben große Schwierigkeiten sich zurechtzufinden.
 
Gibt es Berufe, in die eine Integration besonders schnell möglich ist?

Fritz-Horst Melsheimer: Auch wenn uns die statistischen Daten fehlen, würde ich vermuten, dass es unter anderem in der Gastronomie, in der Hotellerie, in Pflegeberufen, im Einzelhandel und in der Logistik gute Möglichkeiten gibt – allein schon, weil viele Unternehmen aus diesen Branchen Personal suchen. Bei den Flüchtlingen ist aber auch das Potenzial an Selbständigen hoch. Derzeit haben bereits 20.000 Mitglieder der Kammer einen Migranten-Hintergrund. Die Handelskammer hat am 1. August extra eine Abteilung für migrantische Unternehmen ins Leben gerufen. Noch etwas dürfen wir nicht vergessen: Eineinhalb Millionen Menschen bedeuten ein hohes Wertschöpfungspotential, das wiederum Wirtschaftswachstum generiert.

Können die Flüchtlinge dazu beitragen, das demographische Problem in Deutschland zu lösen?
Fritz-Horst Melsheimer: Ja, das können sie. Wir haben heute schon einen großen Fachkräftemangel, nach unseren Erhebungen fehlen allein in Hamburg derzeit 19.000 qualifizierte Arbeitskräfte, 2020 werden es 40.000 sein. Insofern sehe ich für die Flüchtlinge, die eine entsprechende Qualifikation haben, gute Möglichkeiten, sich in unseren Arbeitsmarkt zu integrieren. Aber diese Integration ist ein langer Weg.

Wie beurteilen die Betriebe, die Chance, Flüchtlinge zu integrieren?
Fritz-Horst Melsheimer: Unsere Umfrage unter Unternehmen hat gezeigt, dass vier von fünf befragten Hamburger Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten grundsätzlich bereit sind, Flüchtlinge einzustellen. 70 Prozent der Firmen können sich vorstellen, Migranten als Auszubildende zu beschäftigen. Konkrete Vermittlungsbemühungen laufen bereits, Anfang November wird es eine Marktplatz-Veranstaltung dazu bei uns geben. Also: Die Grundtendenz ist sehr positiv! Das ist ein schönes Signal.

Derzeit ist es in Deutschland nicht einfach, eine Aufenthalts-oder Arbeitserlaubnis zu bekommen. Welche Wünsche haben Sie an die Politik?
Fritz-Horst Melsheimer: Ein Wunsch lautet: Einfach mal ein paar Regeln außer Kraft setzen. Zum Beispiel die Vorrangprüfung, mit der sichergestellt werden soll, dass vorrangig EU-Bürger eine Arbeitsstelle besetzen können. Die Bundeskanzlerin hat gesagt, dass wir Flexibilität zeigen sollen – da bin ich sehr dafür! Und: Die Politik muss den Mut haben, zuzugeben, dass es Grenzen der Belastbarkeit gibt – und die sind langsam erreicht. Wir können nicht weiter so viele Menschen aufnehmen.