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Energie & Infrastruktur
06.07.2015

Investitionen in Infrastruktur und Erneuerbare Energien versprechen langfristig relativ sichere, konstante Renditen – ein Interview mit Dr. Marcus Kleiner und Lars Quandel von der HSH Nordbank.

Baustelle an einer Autobahn.

Der Bundesrechnungshof hat die Regierung aufgefordert, mehr Geld in den Erhalt der deutschen Straßen zu investieren. Deren Zustand sei besorgniserregend. (Foto: picture alliance/KEYSTONE)

Institutionelle Investoren wie Versicherungen und  Pensionsfonds investieren zunehmend in Infrastruktur-Projekte. Weshalb?
Dr. Marcus Kleiner: Diese Assets bieten auf lange Sicht relativ sichere, konstante Renditen. Das ist für Institutionelle Investoren interessant, weil die Zinsen für Anleihen mit einem guten Rating seit Jahren sehr niedrig sind und voraussichtlich noch für absehbare Zeit niedrig bleiben werden. Internationale Investoren haben sich schon vor mehr als zehn Jahren in Infrastrukturprojekten engagiert, damals waren das vorwiegend Pensionskassen aus den USA, Kanada oder Australien. Institutionelle Investoren aus Deutschland haben den Markt erst vor einigen Jahren für sich entdeckt. Als die Zinsen gefallen sind und der Druck größer geworden ist, sind sie in den Infrastrukturmarkt eingestiegen, weil dieser bei überschaubarem Risiko akzeptable Renditen bietet.

Dr. Marcus Kleiner, Vertriebsleiter Transport & Logistik bei der HSH Nordbank.

Dr. Marcus Kleiner, Vertriebsleiter Transport & Logistik bei der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

In welche Projekte wird konkret investiert?
Dr. Marcus Kleiner: Viele Investoren sind nicht festgelegt. Sie investieren in Straßen, Flughäfen, Hafenanlagen, Eisenbahnen oder auch in Private Public Partnership Projekte. Wichtig ist, dass die Assets einen langfristig gut kalkulierbaren Cash Flow bieten und das bei einem geringen Verlustrisiko. Und es müssen große Tickets gezeichnet werden können – sprich die Investitionssumme muss recht hoch sein. Sonst lohnt es sich für die Investoren nicht.

Das heißt, es geht um große Summen. 
Dr. Marcus Kleiner: Ja, allein in den vergangenen beiden Jahren haben Infrastrukturfonds fast 100 Milliarden US-Dollar eingesammelt, die sie direkt in Projekte investieren wollen. Daneben gibt es Fonds, die auf der Kreditseite aktiv sind. Das heißt, sie kaufen Forderungen auf. Hier sprechen wir noch einmal über 20 bis 30 Milliarden Dollar.

Herr Quandel, sind auch Anlagen aus dem Bereich Erneuerbare Energien für Investoren interessant?
Lars Quandel: Ja, vor allem Offshore-Windkraft-Anlagen werden von Versicherungen, Pensionskassen und Fonds immer mehr als Infrastruktur-Investment gesehen. In diesem Bereich steigen sie umfangreich ein.  

Und was ist mit Windanlagen an Land?
Lars Quandel: Onshore-Parks haben meist ein Investitionsvolumen von bis zu 100 Millionen Euro. Für Institutionelle Anleger lohnen sich diese ebenfalls. Aber allein hiermit kann der riesige Anlagebedarf nicht gedeckt werden. Offshore-Anlagen haben eine Größe von bis zu einer Milliarde Euro, manchmal sogar mehr. Das macht diese Assetklasse für Institutionelle Investoren sehr interessant.

In der Anfangsphase gab es Berichte über technische Probleme bei Offshore-Anlagen.
Lars Quandel: Die Investoren haben sich ausführlich mit der Technik auseinandergesetzt. Sie bewerten das Risiko und wägen es gegen das Potential ab, das in diesen Anlagen steckt. In Deutschland hatten wir Ende 2014 ein Gigawatt Leistung am Netz, Ende dieses Jahres erwarten wir drei Gigawatt. Das zeigt, wie dynamisch das Wachstum ist. Die Erfahrungen der ersten Jahre sind bei Offshore-Anlagen hinsichtlich der Energieausbeute sehr positiv – oft lag die tatsächliche Leistung über der prognostizierten.

Sind die Institutionellen Anleger Konkurrenten für die Banken hinsichtlich der Kreditvergabe?
Dr. Marcus Kleiner: Sobald ein Institutioneller ein komplettes Team aufgebaut hat, ist er in gewisser Weise ein Wettbewerber für die Banken. Langfristig sehe ich diese Investoren aber als Ergänzung.

Weshalb?
Dr. Marcus Kleiner: Banken haben zunehmend Schwierigkeiten, Finanzierungen, die über 20 oder 30 Jahre laufen, auf die Bilanz zu nehmen. Das hängt mit den regulatorischen Bestimmungen beispielsweise nach Basel III zusammen.
Lars Quandel: Dies könnte dazu führen, dass die Banken die kürzer laufenden Investitionen finanzieren beziehungsweise  bei den sehr lang laufenden Investitionen die Anfangsphase stemmen und die Institutionellen Investoren die Finanzierung der sehr langen Laufzeiten übernehmen.

Lars Quandel, Abteilungsleiter Renewable Energy bei der HSH Nordbank.

Lars Quandel, Abteilungsleiter Renewable Energy bei der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Bekommen wir aufgrund der Finanzkraft Institutioneller  Investoren jetzt bessere Straßen in Deutschland?  
Dr. Marcus Kleiner: So einfach ist das nicht – erst einmal muss das gesamte Genehmigungsverfahren durchlaufen werden. In Deutschland haben wir auch kein Mautmodell wie in Frankreich. Aber immerhin sind derzeit mehrere Autobahn-Ausbau-Modelle, sogenannte A-Modelle, ausgeschrieben. An der Finanzierung wird es jedenfalls nicht mangeln.

Wie funktionieren diese A-Modelle?
Dr. Marcus Kleiner: In den ursprünglichen A-Modellen übernahm der Investor für 30 Jahre Bau und Betrieb, dafür bekommt er die LKW-Maut auf dieser Strecke. Er übernahm damit also das Verkehrsrisiko. Allerdings liegt der Verkehr teilweise stark unter den ursprünglichen Annahmen. Auf der A1 zwischen Hamburg und Bremen liegt das Minus bei etwa 25 Prozent. Bei den neuen A-Modellen erhalten die Investoren ein festes Entgelt für Bau und Betrieb, das sich an der Verfügbarkeit der Autobahn ausrichtet. Das heißt, sie müssen dafür sorgen, dass der Ausbau in einem festgelegten Zeitraum abgeschlossen ist und den Betriebsdienst sowie laufende Reparaturen so durchführen, dass die Benutzung der Autobahn nur gering beeinträchtigt wird. Dafür sind genaue Kriterien festgelegt.

Herr Quandel, in Deutschland gab es in den vergangenen Jahren einen Boom bei den Erneuerbaren Energien. Wie geht es weiter?
Lars Quandel: Wir erwarten für dieses und nächstes Jahr in Deutschland einen deutlichen Zubau. Bei Windkraft-Onshore-Anlagen liegen die Zuwachsraten derzeit über dem langjährigen Durchschnitt: Vergangenes Jahr wurden 4,7 Gigawatt Leistung neu gebaut, ein Plus von zirka zwölf Prozent.

Gibt es überhaupt noch gute Standorte für Windkraftanlagen in Deutschland?
Lars Quandel: Ja, die gibt es, auch wenn die allerbesten Standorte schon belegt sind. Allerdings muss man wissen, dass an den sehr guten Standorten oft sehr alte Anlagen stehen. Wenn man diese durch neue ersetzt, erreicht man am gleichen Standort ein Vielfaches der Energieausbeute – das so genannte Repowering lohnt sich. Gleichzeitig können durch neue effizientere Anlagen auch windschwächere Standorte optimal genutzt werden.

Wie sieht es bei Solaranlagen aus?
Lars Quandel: Im Bereich von Solarenergie sehen wir zwar einen geringeren Ausbau auf Freiflächen, allerdings bauen viele Private auf ihren Dachflächen neue Anlagen. Dazu kommt, dass auch Unternehmen vermehrt Solaranlagen installieren, um ihren Eigenbedarf zu decken. Die installierte Leistung liegt in Deutschland sowohl bei Solar- als auch bei Windenergie bei etwa 40 Gigawatt.

In Europa wird viel in Erneuerbare Energien investiert – wie ist das Potential in anderen Ländern und Erdteilen?
Lars Quandel: Weltweit ist das Potential noch größer als in Europa. International liegen die Zuwachsraten allein in der Windenergie bei 13 bis 14 Prozent pro Jahr.
 
Was passiert, wenn die Zinsen steigen. Ziehen sich die Investoren dann aus dem Infrastrukturanlagen wieder zurück?
Dr. Marcus Kleiner: Das befürchten einige. Ich glaube aber, dass ein allgemeines Interesse – auch aus der Politik – besteht, diese Gruppe stärker in Investitionen in die Infrastruktur einzubinden, weil sich dadurch der Finanzierungsrahmen deutlich erweitert.

Die HSH Nordbank gehört zu den führenden Banken bei Erneuerbare Energie sowie mit zu den führenden Instituten für Verkehrsinfrastruktur in Deutschland und Europa.

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