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Auf einen Espresso mit ...

Cyrus de la Rubia zur tragischen Lage Griechenlands

07.07.2015

Am Sonntag stimmten die Griechen zu 61 Prozent gegen die Spar- und Reformvorschläge der Gläubiger. Wie geht es nun weiter? Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, gibt eine Einschätzung.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, bei einem Espresso.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Die Griechen haben mit großer Mehrheit gegen die von den Geldgebern verordnete Sparpolitik gestimmt. Müssen sie den Euro nun verlassen?
Dr. Cyrus de la Rubia: Einen Automatismus dafür gibt es nicht. Jetzt kommt es erst einmal darauf an, wie die Europäische Zentralbank (EZB) reagiert. Von der EZB haben die griechischen Banken zuletzt ihre Liquidität bekommen, insgesamt etwa 100 Milliarden Euro, davon knapp 90 Milliarden Notkreditlinien. Allerdings darf die EZB insolventen Banken kein Geld geben – das verbietet das EZB-Statut.

Wie hängen der griechische Staat und die griechischen Banken zusammen?
Dr. de la Rubia: Wenn Griechenland insolvent ist und die griechischen Banken Anleihen dieses Staates in großem Umfang halten und dazu ein Teil ihres Eigenkapitals in Form von Steuergutschriften dieses insolventen Staats besteht, kann man annehmen, dass diese Banken ebenfalls insolvent sind. Dann ist klar, dass die EZB ihnen keinen Kredit mehr geben darf. Aber klar ist auch, dass das eine politische Entscheidung ist. Kein ökonomisch betrachtet, könnten den Griechen spätestens am 20. Juli die Euros ausgehen.

Wieso am 20. Juli?
Dr. de la Rubia: Dann muss Griechenland 3,5 Milliarden Euro an die EZB zurückzahlen. Wenn die EZB nicht bedient wird, sind auch die griechischen Banken nicht mehr solvent – denn diese halten viele griechische Staatsanleihen.

Was passiert, wenn Griechenland keine Euros mehr hat?
Dr. de la Rubia: Die Versorgung mit Euros scheint jetzt schon manchmal schwierig zu sein. Angesichts sinkender Steuereinnahmen ist Griechenland offensichtlich schon jetzt nicht mehr in der Lage, die Pensionen, Gehälter usw. auszuzahlen. Wenn die EZB die griechischen Banken nicht mehr finanziert, dann kann der Staat sich auch dort nicht einmal mehr kurzfristig refinanzieren. Er wird die Gehälter dann wohl mit einer Art von Schuldscheinen begleichen, das sind Versprechen auf Euro-Zahlungen in der Zukunft. Wie viel diese Versprechen wert sind, wird sich zeigen, vermutlich nur einen Bruchteil des Nennwertes. Rein juristisch ist Griechenland dann aber noch nicht aus der Eurozone ausgeschieden. Das kann eine jahrelange Hängepartie werden. Es gibt bislang kein festgelegtes Austrittsverfahren.   

Wie stark wirkt das starke politische Signal der griechischen Bevölkerung, die mit über 60 Prozent gegen die Sparmaßnahmen gestimmt haben?   
Dr. de la Rubia: Es ist ein klares Signal, dass die Griechen die Sparauflagen nicht haben wollen. Es heißt aber nicht, dass die Griechen den Euro nicht haben wollen! Im Gegenteil: Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Griechen im Euro bleiben will. Das will übrigens auch Herr Tsipras – es geht ihm allerdings  darum, die Hilfsmodelle zu reformieren.

Was bedeutet die Situation für Unternehmer, die Geschäfte mit griechischen Partnern machen?
Dr. de la Rubia: Für die ist es jetzt schon schwierig, weil aufgrund der Kapitalverkehrsbeschränkungen Geld nur stark beschränkt aus Griechenland heraus transferiert werden kann. Das wird sich im Zweifel verschärfen. Außerdem wird Griechenland bei einem Grexit sehr wahrscheinlich in einer schwere Rezession abgleiten, so dass sich wahrscheinlich einige Unternehmen aus Griechenland zurückziehen werden.

Gibt es ein Szenario, in dem Griechenland im Euro bleibt?
Dr. de la Rubia: Die Hilfsprogramme könnten neu verhandelt oder verlängert werden. Es könnte einen Schuldenschnitt geben. Die nächsten Tage werden zeigen, ob das ein realistisches Szenario ist.

Von einem Schuldenschnitt träumen auch andere hochverschuldete Euro-Staaten, wie Italien oder Spanien.
Dr. de la Rubia: Es ist ein Dilemma. Auf der einen Seite muss die EU die Regel „Hilfsgelder nur gegen Gegenleistung“ weiter einhalten, um nicht unglaubwürdig zu werden. Auf der anderen Seite drohen geopolitische Probleme, wenn man Griechenland ziehen lässt. Da geht es um Fragen der Flüchtlingspolitik, aber auch darum, welche Rolle Russland künftig für Griechenland spielt. Es ist eine tragische Situation.