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Auf einen Espresso mit ...
10.07.2015

Der Crash könnte globale Auswirkungen haben, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, bei einem Espresso.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank (Foto: HSH Nordbank)

Die chinesischen Aktienmärkte sind seit Juni um teilweise über 30 Prozent gesunken. Daran konnte auch die gestrige Erholung nichts ändern. Was ist da los?
Cyrus de la Rubia: Die Entwicklung der chinesischen Aktienmärkte, die wir bis Mitte Juni gesehen haben, passte einfach nicht mehr zu der fundamentalen Entwicklung der Volkswirtschaft. Wachstum und Investitionen sind zurückgegangen, es wurden weniger Rohstoffe importiert. Die Industrieproduktion stieg langsamer als in der Vergangenheit – gleichzeitig boomten die Aktienmärkte bis vor kurzem. Ein Aktienboom, der übrigens von der Regierung gewünscht war.

Weshalb?

Cyrus de la Rubia: Unternehmen können sich in einem positiven Kapitalmarktumfeld viel einfacher refinanzieren. Gleichzeitig wollte China den Kapitalmarkt attraktiver machen. Das Platzen der Blase kommt für die chinesische Regierung nun sehr ungelegen, weshalb sie versucht, gegenzusteuern.

Geht es generell mit Chinas Wirtschaft bergab?

Cyrus de la Rubia: Zu behaupten, es ginge mit Chinas Wirtschaft bergab, ist übertrieben. Es findet vielmehr eine normale Verlangsamung des Wachstums statt. Es war einfach unrealistisch anzunehmen, dass es nach drei Jahrzehnten Wachstum von zehn Prozent oder mehr, immer so weitergehen würde. Irgendwann kommt eine Anpassung und die Wirtschaft wächst nur noch mit fünf oder sechs Prozent. In absoluten Zahlen ist das aber – da man ja schon auf einem hohen Niveau ist – immer noch enorm. Allerdings sehe ich eine andere Gefahr.

Und die wäre?
Cyrus de la Rubia: Die Gefahr ist, dass die recht umfassenden Liberalisierungsschritte insbesondere am Kapitalmarkt konterkariert werden. So hat man beispielsweise Ende vergangenen Jahres den chinesischen Aktienmarkt für Ausländer geöffnet. Wenn jetzt aber der Aktienhandel für beinahe die Hälfte aller notierten Aktien ausgesetzt wird, um den Absturz zu beenden, dann ist dies ein massiver Eingriff in die Märkte und wird die Investoren sowohl im Ausland als auch im Inland vergraulen.

Was bedeutet es für die USA und für Europa, wenn China nicht mehr die Lokomotive der Weltwirtschaft ist?

Cyrus de la Rubia: Die eine Frage ist, wie die Verlangsamung des Wachstums auf andere Länder wirkt. China ist ein wichtiger Nachfrager beispielsweise für deutsche Autos, für Investitionsgüter und für Luxusgüter. Die entsprechenden Produzenten in den Industrieländern spüren das bereits.

Die andere Frage ist, ob der Einbruch an den Aktienmärkten die chinesische Wirtschaft noch zusätzlich schwächt. Da sehe ich ein gewisses Risiko, weil auch der chinesische Finanzsektor direkt oder indirekt in Aktien investiert ist. Das könnte dazu führen, dass die Banken vorsichtiger werden und beispielsweise die Kreditvergabe für Immobilienprojekte - dieser Sektor ist ohnehin unter Druck - zurückfahren.

Drohen in China Bankenpleiten?
Cyrus de la Rubia: Bankenpleiten wird es in China wohl nicht geben, da die Banken mehr oder weniger staatlich sind und die chinesische Regierung über genügend Devisenreserven verfügt, mit denen das Eigenkapital der Kreditinstitute gestärkt werden kann.

Besteht die Gefahr, dass von China aus ein globaler Flächenbrand entsteht?
Cyrus de la Rubia: Ich würde es nicht ausschließen. Nehmen wir an, der Bauboom in China schwächt sich weiter ab, der Konsum leidet und das Wachstum fällt auf vier statt sieben Prozent. Das würde deutliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Und: Mit diesem Szenario rechnet bisher kaum ein Investor. Sie würden dann ihre Einschätzung der internationalen Aktienmarktbewertungen überdenken müssen.

Welche Rolle spielt die Eurokrise für China?
Cyrus de la Rubia: Hilfreich ist das Drama um Griechenland sicher nicht, jedoch steht es nicht im Zentrum. Aber wenn man wahrnimmt, dass es in anderen Ländern auch nicht rosig ist, drückt das immer auf die Stimmung an den Aktienmärkten.