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16.04.2015

„2050 wird jeder fünfte Mensch auf der Welt Afrikaner sein“ - Bundespräsident a.D. Horst Köhler sieht in Afrika großes wirtschaftliches Potenzial.

Horst Köhler

Horst Köhler initiierte bereits während seiner sechsjährigen Amtszeit eine Partnerschaft mit Afrika. Für ihn wird "kein anderer Kontinent die Geschichte des 21. Jahrhunderts so sehr prägen“. (Foto: picture alliance / dpa)


Herr Bundespräsident, schon während Ihrer Amtszeit war für Sie die
Zukunft Afrikas ein großes Thema. Woher kommt Ihr Interesse für den afrikanischen Kontinent?

Köhler: Immer wieder sagt man mir nach, dass ich mein Herz an Afrika verloren hätte. Innerlich zucke ich dabei immer etwas zusammen. Das klingt ja ein wenig so, als hätte ich mich in weite Steppen und schöne Sonnenuntergänge verliebt. Tatsächlich stammt mein Interesse für Afrika aus zutiefst politischen Erwägungen. Sehen Sie, 2050 wird jeder fünfte Mensch auf der Welt Afrikaner sein. Die afrikanischen Regenwälder sind überlebenswichtig für das globale Ökosystem, und auch angesichts seines Ressourcenreichtums nimmt die geopolitische Bedeutung der Region rasant zu. Ich bin davon überzeugt, dass kein anderer Kontinent die Geschichte des 21. Jahrhunderts so sehr prägen wird wie Afrika, im Guten oder auch im Schlechten. Gerade für uns europäische Nachbarn birgt das die größten Chancen – aber auch die größten Risiken.

Zuletzt gab es in einigen Ländern Afrikas Terror und Gewalt, viele Hoffnungen wurden enttäuscht. Wie beurteilen Sie die Lage?
Köhler: Ich glaube die enttäuschten Hoffnungen, von denen Sie sprechen, haben viel mit einem tieferliegenden Problem in unserem Afrika-Bild zu tun. Es wurde in den letzten Jahren ja viel über das „afrikanische Wirtschaftswunder“ gesprochen. Diese pauschale Afrika-Euphorie schlägt nun angesichts der Horrorszenen, die uns in der Ebola-Krise aus Westafrika erreichen, oder der unerträglichen Taten von Boko Haram im Handumdrehen wieder in in die althergebrachten Muster um: schnell gilt ganz Afrika wieder als der Kontinent der Krisen, Krankheiten und Konflikte. Es wäre viel gewonnen, wenn wir zu einem differenzierten Afrika-Realismus gelangen würden. Wir müssen boomende Volkswirtschaften oder die enorme kulturelle Selbstfindung des Kontinents ebenso wahrnehmen wie anhaltende politische und wirtschaftliche Herausforderungen in einigen Regionen Afrikas. Dieser Kontinent entzieht sich jeder Verallgemeinerung.

Ein Punkt der Post-2015-Agenda ist es, eine neue globale Partnerschaft zu formen. Was bedeutet das und wie könnte diese Partnerschaft in  Bezug auf den afrikanischen Kontinent aussehen?
Köhler: In unserer zunehmend interdependenten Welt des 21. Jahrhunderts kann kein Land, so mächtig es auch sein mag, seinen Wohlstand langfristig erhalten, ohne die Perspektiven anderer zu berücksichtigen. Globale Probleme wie Klimawandel oder Flüchtlingskrisen lassen sich nur gemeinsam lösen. Für Afrika bedeutet das u.a. anzuerkennen, dass die Hauptverantwortung für die Zukunft des Kontinents bei den Afrikanern selbst liegt. Es bedeutet aber auch, dass wir bei den systemischen Ursachen für die Probleme des Kontinents vor unserer eigenen Haustüre kehren. Die immensen illegalen Kapitalabflüsse aus Afrika zum Beispiel lassen sich ohne die Mitwirkung der daran beteiligten Industrieländer nicht wirksam bekämpfen. 

Wieso sollten Unternehmen gerade in Afrika neue Investitionen starten?

Koehler: Natürlich muss jedes Unternehmen selbst genau analysieren und beurteilen, ob und wo Investitionen in Afrika Sinn machen. Aber der Punkt ist, dass sich diese Analyse wirklich lohnt. Es gibt in Afrika echten Wachstumsbedarf, der Ausbau der Infrastruktur entwickelt sich in atemberaubendem Tempo und in immer mehr Ländern entsteht eine Mittelschicht. Einige große deutsche Unternehmen investieren bereits vor Ort. Das bietet gerade auch mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit, an der steigenden Wertschöpfung des Kontinents durch Clusterbildung mit anderen Unternehmen teilzuhaben. Außerdem erlebe ich auf meinen Reisen bei afrikanischen Unternehmern eine große Neugier, auf die deutsche Mittelstandskultur. Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können.