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22.12.2014

Prof. Dr. Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, über die Weltwirtschaft, mögliche Immobilien- und Kreditblasen und die Auswirkungen einer Überdosis von Niedrigzins-Doping.

Der Leiter des Prognosezentrums am Kieler Institut für Weltwirtschaft, Prof. Dr. Stefan Kooths, erwartet neue Konjunkturimpulse für Deutschland. (Foto: Institut für Weltwirtschaft)

Herr Prof. Kooths, die Aktienmärkte in USA und in Deutschland boomen – heißt das, dass mit der Weltwirtschaft alles zum Besten steht?
Professor Kooths: Nein, nicht unbedingt. Hohe Aktienkurse könnten bedeuten, dass die Konjunktur überall gut läuft und die Ertragserwartungen der Unternehmen sehr hoch sind. Das stimmt aber nicht. Die hohen Kurse hängen vielmehr damit zusammen, dass die Investoren weiter mit sehr niedrigen Zinsen rechnen. Die hohen Kurse haben deshalb viel mit der Politik der Europäischen Zentralbank zu tun.

Bislang haben die niedrigen Zinsen in Krisenländern wie Italien, Spanien oder Frankreich nicht zu einem signifikanten Aufschwung geführt. Warum wirkt das klassische Mittel nicht?
Professor Kooths: In diesen Ländern gibt es oft strukturelle Probleme, die auch zusätzliche Liquidität nicht löst. Im Gegenteil: Man muss sagen, dass beispielsweise in Spanien zu viel Liquidität zu erheblichen Fehlallokationen geführt hat, etwa in Immobilien. In diesen Ländern kurbelt selbst ein extrem niedriges Zinsniveau die Kreditnachfrage kaum an, solange die vor der Krise aufgebauten Überschuldungsprobleme nicht bereinigt sind. Teils können die Banken keine Kredite vergeben, teils sind es die Firmenkunden, die aufgrund hoher Altschulden nicht kreditwürdig sind. Diese Untoten sind zwar dank vehementer Interventionen bislang noch nicht beerdigt worden, aber sie lassen sich auch mit einer Überdosis von Niedrigzins-Doping kaum wiederbeleben.
 
Weshalb sind die Länder nicht mehr so konkurrenzfähig?
Professor Kooths: Weil sich das Preisniveau der heimischen Produktionsfaktoren zu weit von der Produktivität entfernt hat. Dies ist nicht durch die Krise verursacht, sondern wurde durch sie offengelegt. Die Produktivität hängt von strukturellen Bedingungen und der Wertschätzung der Kunden für die Endprodukte ab. Gerade Italien hat eine sehr komplizierte Bürokratie, die Unternehmen im Wachstums- und Restrukturierungsprozess behindert. Diese strukturellen Probleme hemmen die Entwicklung. Dazu kommen politische Unsicherheiten in einigen Ländern: So ist nicht klar, wie lange die spanische Regierung im Amt bleiben wird. Generell ist die Arbeitslosigkeit in Südeuropa sehr hoch. Die Bevölkerung könnte das Vertrauen daran verlieren, dass die Haushaltskonsolidierung richtig ist und einen anderen Weg einschlagen wollen – mit mehr Schulden, mehr staatlichen Hilfen. Aber so gelingt es nicht, die Ursachen der heutigen Probleme zu beseitigen, sondern man würde die notwendigen Maßnahmen nur weiter hinauszögern.

Die wirtschaftlichen Unterschiede im Euro-Raum sind sehr groß, dennoch gibt es eine einheitliche Geldpolitik. Kann das gut gehen?
Professor Kooths: Ein einheitlicher Währungsraum setzt keinen homogenen Wirtschaftsraum voraus. Derzeit wird die Geldpolitik hoffnungslos überstrapaziert, sie wird die wahren Probleme der Krisenländer ohnehin nicht lösen können. Was mir große Sorgen macht, ist, dass uns in Europa der der geldpolitische Konsens mehr und mehr abhanden zu kommen scheint. Das ist auf jeden Fall eine große Gefahr für die Stabilität des Euroraums.

Das heißt, Sie sind für den Euro-Raum im Jahr 2015 nicht sehr optimistisch…
Professor Kooths: So ist es. Von Reformeifer ist nicht allzu viel zu spüren – insbesondere nicht in Frankreich und Italien, die ja in der bisherigen Rettungspolitik als Stabilitätsstützen fungieren sollen. Gleichwohl sehen wir den Euro-Raum im nächsten Jahr etwas stärker als in diesem – die Grundtendenz ist also vorsichtig aufwärts gerichtet. Auch der Ölpreis spielt eine Rolle. Das alles bedeutet aber nicht, dass die Krise vorbei ist.

Wie sehen Sie das nächste Jahr in Deutschland?
Professor Kooths: Im Vergleich mit anderen Ländern stehen wir zwar gut da, aber auch wir haben wieder Flexibilität aus dem Arbeitsmarkt genommen und den Mindestlohn eingeführt. Das wird zu einem Verlust von Arbeitsplätzen führen. Wir sehen die Zuwachsrate des Bruttoinlandsproduktes bei 1,7 Prozent. Hierzu trägt vor allem das Zwischenhoch beim privaten Konsum bei, der nicht zuletzt durch den Ölpreisverfall massiv befeuert wird.

Sie sprachen vorhin von Fehlallokationen aufgrund der niedrigen Zinsen – haben wir es in Deutschland nicht auch mit einer Immobilienblase zu tun?
Professor Kooths: Nein, das glaube ich nicht. Wenn die Immobilienpreise nach Jahren der Stagnation steigen, ist das noch keine Blase. Gefährlich wird es, wenn die Bauwirtschaft so stark wächst, dass weit über den Bedarf hinaus gebaut wird. Das sehe ich in Deutschland aber noch nicht. Gleichwohl ist Achtsamkeit geboten: Wenn Übertreibungen am Immobilienmarkt offensichtlich sind, ist es bereits zu spät.

In den vergangenen Jahren waren China und die USA wichtige Treiber für die Weltwirtschaft. Wie sehen Sie die Entwicklung in diesen Ländern in 2015?
Professor Kooths: China ist für uns immer etwas schwierig zu beurteilen, weil wir nicht wissen, wie zuverlässig die Zahlen sind. Es wirkt aber so, als habe sich in China eine Kreditblase gebildet, die nun wieder zurückgenommen werden muss. Und China wird in den nächsten Jahren mit einer alternden Bevölkerung zu tun haben. Das sind enorme Herausforderungen.

Und wie sieht es in den USA aus?
Professor Kooths: Ich vermute, dass die USA nach und nach ihre Nullzins-Politik beenden wollen. Aber das wird ein langsamer Prozess. Generell sind die Aussichten für die USA aber gut, wir trauen der US-Wirtschaft im nächsten Jahr eine Expansion um 3,2 Prozent zu. Hierin schlägt sich ein robuster Arbeitsmarkt nieder, der den Konsum stützt. Zudem dürfte die Investitionsbereitschaft bei weiterhin günstigen Finanzierungsbedingungen und verbesserten Absatzaussichten zunehmen.