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17.12.2014

Warum Öl weltweit immer billiger wird und Russland seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen könnte, erklärt Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, im Interview mit Unternehmer Positionen Nord.

Auch an den Zapfsäulen in Deutschland wird der Preisverfall beim Öl zu spüren sein. (Foto: picture alliance / Frank May)

Der Ölpreis fällt weiter. Wie groß ist die Gefahr, dass der russische Staat deshalb in eine Pleite schlittert?
Dr. Cyrus de la Rubia: Rein ökonomisch hält Russland einen Ölpreis zwischen 60 und 70 US-Dollar recht lange aus. Das Land hat Devisenreserven von etwa 420 Milliarden US-Dollar, die Staatsverschuldung liegt nur bei 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die meisten europäischen Staaten sind wesentlich höher verschuldet. In den vergangenen Jahren hatte Russland einen praktisch ausgeglichenen Haushalt. Das sind gute Ausgangsvoraussetzungen. Zudem fällt der Rubel parallel zum Ölpreis. Das bedeutet, dass die Einnahmen in Rubel höher ausfallen und den Verfall des Ölpreises ausgleichen.

Aber die Einnahmen aus Öl und Gas spielen doch eine wichtige Rolle im russischen Staatshaushalt.
Dr. Cyrus de la Rubia: Das stimmt, sie machen etwa 50 bis 60 Prozent der Einnahmen aus. Aber man darf nicht vergessen, dass die russischen Unternehmen auch bei einem Preis von 60 US-Dollar pro Barrel noch Geld verdienen, ihre Gewinnschwelle liegt etwa bei 25 bis 30 US-Dollar pro Barrel – ganz im Gegensatz zu den Fracking-Projekten in den USA, die einen deutlich höheren Ölpreis brauchen, um sich zu rentieren.Heißt das, dass sich das Angebot auf dem Ölmarkt bei so niedrigen Preisen tendenziell wieder verknappen wird?Dr. Cyrus de la Rubia: Davon gehen wir in unseren Prognosen zumindest aus. Wir halten es durchaus für wahrscheinlich, dass der Preis kurzfristig unter 60 US-Dollar pro Barrel bleibt. Ende 2015 sehen wir den Preis bei 75 US-Dollar pro Barrel.

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank. (Foto: HSH Nordbank)

Weshalb gibt es dennoch immer wieder Szenarien, in denen es heißt, Russland könne aufgrund des niedrigen Ölpreises pleite gehen?
Dr. Cyrus de la Rubia: Es geht weniger um die Frage, ob Russland zahlungsfähig bleibt. Auf Sicht von zwölf bis 18 Monaten sehe ich an dieser Stelle keine Gefahr. Es geht vielmehr darum, ob Russland zahlungswillig sein wird.

Wieso ist das eine Option?
Dr. Cyrus de la Rubia: Russland leidet unter den Wirtschaftssanktionen, der Zugang zum internationalen Kapitalmarkt ist eingeschränkt. Die Refinanzierung der russischen Großunternehmen über Anleihen ist dadurch schwierig geworden. Da könnte es sein, dass die russische Regierung selbst auch Beschränkungen des Kapitalverkehrs beschließt – beispielsweise ein weitgehendes Verbot der Ausfuhr von Devisen. 

Welche Folgen hätte das?
Dr. Cyrus de la Rubia: Die großen russischen Rohstoffunternehmen, die ja mehr oder weniger in staatlicher Hand sind, könnten beispielsweise ihre Anleihen nicht mehr bedienen dürfen – das würde einem Zahlungsausfall gleichkommen. Wenn das passieren sollte, hätte das weitreichende Auswirkungen auf die internationalen Kapitalmärkte.

Und zwar?
Dr. Cyrus de la Rubia: Zunächst würden vermutlich Anleihen von Schwellenländern und von bonitätsschwachen Unternehmen leiden. Der internationale Währungsfonds weist außerdem darauf hin, dass Exchange Traded Funds, also ETFs, im Krisenfall unter Druck geraten könnten, und zwar dann wenn die Anleger ihre Fondsanteile zurückgeben und die Fonds dann gezwungen sind, die zugrunde liegende Wertpapiere in einen illiquiden Markt hinein zu verkaufen. Das könnte zu Kurseinbrüchen führen mit weitreichenden Konsequenzen für die Stabilität der Finanzmärkte.

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