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13.10.2014

Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen. Das neue Buch von Marcel Fratzscher – vorgestellt von Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Marcel Fratzscher, deer Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, will mit seinem neuen Buch die Menschen in der Bundesrepublik wachrütteln. (Foto: picture alliance / dpa)

Der Einstieg in das Buch ist schon mal sehr gelungen: Marcel Fratzscher stellt dem Leser zwei Länder vor. Das eine Land strotzt vor Kraft, ist ohne größere Probleme durch die Eurokrise gekommen und wird international bewundert. Es ist kein Kunststück zu erraten, dass es sich dabei um Deutschland handelt. Das andere Land ist dagegen gekennzeichnet von stagnierenden Reallöhnen, steigender Einkommensungleichverteilung und einer fallenden Investitionsquote, die immer stärker an der Substanz zehrt. Überraschung – auch das ist Deutschland.

Fratzscher will die Deutschen wachrütteln

Damit macht der Autor seine Motivation für sein Buch deutlich: Er möchte die Menschen in diesem Land wachrütteln. Man solle sich nicht blenden lassen von den Erfolgen der letzten Jahre. Nicht, dass sie unverdient gewesen seien. Aber es wäre hochgradig fahrlässig, diese Erfolge in die Zukunft fortzuschreiben, denn die Basis dafür erodiert mehr und mehr. In ähnlicher Weise widerspricht Fratzscher auch der gängigen Meinung, dass wir Deutsche die Zeche für die undisziplinierten Euroländer aus dem Süden zahlen. Vielmehr sollten wir uns klar darüber sein, wie sehr wir von Europa profitiert haben und wie stark unser Einfluss auf der Weltbühne von einer erfolgreichen Union abhängt.

Exklusiv von der Frankfurter Buchmesse

In einem Radiobeitrag des Deutschlandfunks [LINK: www.deutschlandfunk.de/frankfurter-buchmesse-uns-geht-es-schlechter-als-wir-denken.1310.de.html] erklärt Marcel Fratzscher, dass eine Investitionslücke unseren Wohlstand bedroht und warum es keine Alternative zur Europäischen Integration gibt.

Internationale Erfahrung und perfektes Timing

Man muss keineswegs alle Ansichten von Marcel Fratzscher teilen. Fest steht aber, dass er der Richtige ist, um Deutschland und seine Rolle in Europa von einer anderen Perspektive aus zu beurteilen, ohne die nationalen Eigenheiten unseres Landes aus dem Blick zu verlieren. In Bonn aufgewachsen hat Fratzscher in Kiel sein Grundstudium der Volkswirtschaftslehre absolviert um dann in England, Boston, Indonesien, Washington DC, San Francisco und in verschiedenen Teilen Asiens und Afrikas zu studieren und zu arbeiten. Durch seinen Aufenthalt in Jakarta/Indonesien erlebte er damals hautnah die Asienkrise von 1997/98 mit und beriet die dortige Regierung in wirtschaftspolitischen Fragen. Geprägt wurde Fratzscher auch durch seine elfjährige Tätigkeit in der Europäischen Zentralbank, wo er die Abteilung Internationale Politikanalyse leitete. Seit 2013 ist er der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, dessen ramponierten Ruf er innerhalb kürzester Zeit signifikant verbesserte. Kurzum: Fratzschers Argumente haben Substanz, was nicht zuletzt seine rekordverdächtige Liste an Publikationen in hochrangigen internationalen Wissenschaftsjournalen unter Beweis stellt.

Fest steht auch, dass das Timing des Buchs perfekt ist. In den vergangenen Wochen trübten sich die Konjunkturaussichten für Deutschland ein, die Stimmung schlägt allmählich um. Da bietet die „Deutschland-IIlusion“ eine treffende Argumentationsgrundlage.

Duale Struktur der deutschen Volkswirtschaft

Eine Botschaft des DIW-Präsidenten ist, dass sich Deutschlands hohe Wettbewerbsfähigkeit nicht in einem Anstieg des Wohlstands manifestiert. Vielmehr seien die Reallöhne (also bereinigt um die Inflation) seit dem Jahr 2001 kaum gestiegen und der Konsumzuwachs hinke deutlich hinter dem anderer Industrieländer her. Gleichzeitig könne man jedoch eine hervorragende Entwicklung der Produktivität und Innovationsfähigkeit im Exportsektor beobachten. Der Grund für die gesamtwirtschaftlich schlechten Zahlen sei, dass die deutsche Wirtschaft eine duale Struktur habe, mit einem äußerst erfolgreichen Exportsektor und einem schwachen Binnensektor. So seien sowohl die Lohn- und Einkommensentwicklung als auch die Entwicklung der Produktivität im Dienstleistungssektor enttäuschend. Statt aber die immensen Exportüberschüsse für Investitionen in diesem Sektor und für andere binnenorientierte Sektoren zu verwenden, legten die Deutschen ihre Ersparnisse lieber im Ausland an, mit leider sehr trüben Renditen: Seit 1999 haben Anleger aus Deutschland rund 400 Milliarden Euro mit ihren Auslandsanlagen verloren.

Unternehmen sparen zu viel und investieren zu wenig

Eine dazu passende Ungewöhnlichkeit ist, dass deutsche Unternehmen seit dem Jahr 2000 mehr sparen als investieren. Das heißt sie haben ein riesiges Finanzvermögen aufgebaut, während die Investitionsquote zurückgegangen ist. Laut Fratzscher könnte die Folge ein in Zukunft sinkendes Produktionspotenzial sein. Hier wendet sich der Harvard-Absolvent gegen die pauschale Ablehnung von staatlicher Verschuldung. Ob zusätzliche Staatsverschuldung gut oder schlecht sei, hänge doch in erster Linie von der Verwendung der aufgenommenen Kredite ab. Werde in Bildung investiert oder in sinnvolle Verkehrsinfrastrukturprojekte oder im Energiesektor (zum Beispiel Stromtrassen), sei eine öffentliche Schuldenaufnahme durchaus zu begrüßen. Dagegen sei es verantwortungslos gegenüber zukünftigen Generationen auf Kosten von derartigen Investitionen zu sparen.

Stichwort Energie: Gerne wird im Zusammenhang mit der Energiewende und den damit verbundenen Investitionen auf den drohenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen argumentiert. Fratzscher weist dieses Argument aber zurück und verweist darauf, dass die Großhandelspreise für Energie in Deutschland niedriger sind als in den USA, obwohl sich die dortigen Preise aufgrund des Erdgasbooms deutlich verbilligt haben. Energieintensive Produzenten (die von der EEG-Umlage ausgenommen sind) sollten daher hierzulande keineswegs unter einem Wettbewerbsnachteil leiden.

Fratzscher ist ein wichtiges Anliegen, die Bedeutung Europas für Deutschland hervorzuheben. Und hier zeigt sich der ehemalige Zentralbanker als überzeugter Europäer: So sieht er das steigende Misstrauen gegen europäische Institutionen als Gefahr für die Einheit der Währungsunion, deren Nutzen von den meisten Bürgern in Deutschland offensichtlich unterschätzt werde. Keineswegs befände sich Deutschland in der Opferrolle, das die Fehler der anderen Länder ausbaden müsste. Vielmehr hatte die Eurozone von vornherein Konstruktionsfehler und Deutschland habe die Reformen der Währungsunion in entscheidender Weise mitgeprägt. Jede der neuen Maßnahmen, sei es der Fiskalpakt, die Bankenunion oder die Struktur der Rettungspakete für die Programmländer, trage die Handschrift der Bundesrepublik.

Europa ist eine Herzensangelegenheit

Dass die Einheit Europas dem Autor ein besonderes Anliegen ist, wird auch dadurch deutlich, dass er Perspektiven aufzeigt, in welche Richtung die Eurozone sich in Zukunft bewegen sollte. Die Ideen dazu hat er zusammen mit der Glienicker Gruppe entwickelt, ein Zusammenschluss von elf deutschen Ökonomen, Juristen und Politologen. Unter anderem schlägt der Fratzscher eine europäische Arbeitslosenversicherung vor. Auf den ersten Blick klingt das nach sozialistischer Gleichmacherei. Erst der zweite Blick offenbart, dass Fratzscher die Mitgliedschaft in der europäischen Arbeitslosenversicherung an die Bedingung  durchgreifender Arbeitsmarktreformen knüpft und insofern einen  Reformkatalysator vorschlägt. Interessanterweise hat der neue EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der nach eigenen Aussagen das hier besprochene Buch mit Gewinn gelesen hat, genau diese Idee kürzlich aufgegriffen. Weitere Elemente eines zukunftsfähigen gemeinsamen Währungsraums sind eine Bankenunion inklusive einem funktionierenden Abwicklungsmechanismus. Nur so könne man glaubwürdig die Nicht-Beistands-Klausel durchsetzen. Denn ohne eine funktionierende Bankenunion würde die Zahlungsunfähigkeit eines Mitgliedslandes den Finanzsektor in schwerste Turbulenzen führen und somit die Staaten erpressbar machen. Fratzscher spricht sich außerdem für eine europäische Wirtschaftsregierung aus, die Reformpakete mit Krisenländern verhandelt, über Bankenschließungen entscheidet und die Bereitstellung öffentlicher Güter sicherstellt. Letzteres impliziert einen europäischen Haushalt.

Fundiert und authentisch

Insgesamt handelt es sich beim Buch „Deutschland-Illusion“ um eine Lektüre, die jedem, der in den wirtschaftspolitischen Fragen unserer Zeit mitreden möchte, wärmstens zu empfehlen ist.  Der Autor versteht es, die Dinge in verständlicher Sprache zu formulieren, und man spürt, dass ihm die Themen Deutschland und Europa eine Herzensangelegenheit sind. Das Buch ist somit nicht nur fundiert, sondern auch authentisch – was in der wirtschaftspolitischen Literatur keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Deutschland-Illusion von Marcel Fratzscher, Hanser-Verlag, 2004, ISBN: 978-3-446-44034-0