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08.08.2014

Deutschland wird immer beliebter: 2013 wanderten rund 1,1 Millionen Menschen in die Bundesrepublik ein und knapp 650.000 aus – ein Plus von 460.000 Zuwanderern. Kritiker sehen das Sozialsystem bedroht. Dabei profitiert die gesamte Volkswirtschaft.

Die Grenzpfeiler zwischen Deutschland und Polen sind keine Hürde für Bürger der Europäischen Union, die Arbeit suchen. (Foto: picture alliance / dpa)

Deutschland ist das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt nach den USA. Kanada und Australien belegen aktuell die Plätze drei und vier. Das stellte jüngst die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fest: Die Immigration nach Deutschland könne ohne Übertreibung als Boom bezeichnet werden. Der Sog auf ausländische Arbeitnehmer sei fast vergleichbar mit der Entwicklung in den USA im frühen 20. Jahrhundert, so ein Bericht der Wochenzeitung Die Zeit. Mit ihrem Gründergeist und ihren Qualifikationen konnten die Zuwanderer das Wirtschaftswachstum der Vereinigten Staaten damals zusätzlich befeuern.

Zuwanderer sind nicht nur auf Sozialleistungen aus

Heute lockt Deutschland mit guten Arbeitsperspektiven. In die Bundesrepublik kommen vor allem Bürger aus Staaten der Europäischen Union (EU), die aufgrund der Schulden- und Wirtschaftskrise in ihren Heimatländern keinen Job finden. Sie nutzen die Freizügigkeit für Arbeitnehmer, die seit 1957 in den Verträgen der EU verankert ist. Seit 2011 gilt dieses Recht auch für Bulgarien und Rumänien, was Zuwanderungskritiker zu dem Schluss veranlasst, viele Emigranten seien schlecht ausgebildet und wollten lediglich die Vorzüge des deutschen Sozialsystems ausnutzen. Außer den Europäern, der stärksten Zuwanderungsgruppe, suchen auch Menschen aus Asien, Amerika und Afrika in Deutschland ihr Glück.

Zuzüge von Ausländern nach Deutschland

EU-27: Mitgliedstaaten 2007–2013; EU-15: Mitgliedstaaten bis 2004; EU-10: 2004 beigetretene Staaten; EU-2: 2007 beigetretene Staaten; Quelle: zeit.de, Statistisches Bundesamt

Armutszuwanderung nennt das die Bundesregierung. Gemeinsam mit der Innenstaatssekretärin Emily Haber leitet Jörg Asmussen, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit und Soziales, einen Ausschuss zu dem Thema. „Die Zuwanderer, von denen wir hier sprechen, sind EU-Bürger mit allen Rechten und Pflichten“, sagt Asmussen im Interview mit der Rheinischen Post. „Entweder sie haben ein Recht auf die Sozialleistung. Oder es ist Sozialbetrug. Und das ist strafbar, egal ob sie Deutscher, Bulgare oder Niederländer sind.“

Gut ausgebildete Fachkräfte kommen

In den vergangenen Jahren waren die Zuwanderer in die Bundesrepublik im Schnitt 28 Jahre alt und durchweg gut qualifiziert. Das stellte jüngst eine Studie des Research Instituts der Deutschen Bank fest. Danach waren 43 Prozent der Zuwanderer Hochschulabsolventen – ein um 15 Prozent höherer Anteil als beim Durchschnitt der deutschen Bevölkerung. Dadurch soll sogar das künftige Wachstum der deutschen Wirtschaft bei gleichbleibender Auslastung der Produktionskapazitäten kurzfristig um rund 0,4 Prozent gesteigert werden können, so die Studie.

Ein großes Potenzial für die deutsche Wirtschaft stellen auch die hier studierenden Ausländer dar, berichtet die Tageszeitung Die Welt. Laut einer aktuellen Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge und des Bundesamts für Bevölkerung plane knapp ein Drittel der ausländischen Studenten, langfristig in Deutschland zu bleiben.

„Deutsche Unternehmen ziehen inzwischen Migranten an, die im Schnitt besser qualifiziert sind als die einheimische Bevölkerung“, sagt Dr. Reiner Klingholz, Experte für Demografie und Vorstand des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Im Interview mit dem Magazin Der Spiegel erklärt er, zur guten Wirtschaftslage der Bundesrepublik hätten vor allem die vielen zugewanderten Akademiker beigetragen. So kämen aus Osteuropa überproportional viele Ingenieure, aber auch Ärzte. Unter den geringer Qualifizierten seien viele Saisonarbeiter. „Beide Gruppen sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt“, so Klingholz. Darunter sind natürlich auch Sozialfälle: Die Arbeitslosenquote unter Rumänen und Bulgaren in der Bundesrepublik liegt laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei rund zehn Prozent. Doch es könnten weder die Unternehmen ohne Zuwanderer überleben, noch ließen sich die Sozialsysteme finanzieren, resümiert Klingholz.

Deutschland profitiert von der Krise der anderen

70 Prozent der Zuwanderungen in die Bundesrepublik, sagen Experten, sind auf schlechtere Bedingungen in den anderen EU-Ländern zurückzuführen. Während früher Polen oder Letten in Südeuropa auf Baustellen oder in Krankenhäusern Arbeit fanden, orientieren sie sich heute Richtung Norden. Deshalb müsse Deutschland jetzt ein neues Kapitel in der Einwanderungspolitik aufschlagen, meint Stephan Sievert, Experte für Fachkräftesicherung am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Die deutschen Behörden haben sich bereits auf den Zuwanderungsboom eingestellt. So startete das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Jahr 2013 das Modellprojekt „Willkommensbehörden“. Beamte sollen umdenken, sich interkulturelle Kompetenzen aneignen und die Organisation umstellen. Gleiches sollte auch für deutsche Unternehmen denkbar sein, wenn sie Bedarf an Fachkräften aus dem Ausland haben.