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Russland-Sanktionen
12.08.2014

Sanktionen gegen Russland, Importverbote für Lebensmittel als Antwort, Nahrungsmittel-Protektionismus in Indien – Regierungen setzen ihre politischen Interessen über wirtschaftliche Einschränkungen durch. Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, erläutert, was der deutschen Wirtschaft bei einer Eskalation der weltweiten Krisen droht.

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, warnt vor einer Ausweitung der Sanktionen gegen Russland auf den Energiesektor. (Foto: HSH Nordbank)

Herr de la Rubia, deutsche Maschinenbauer und Automobilzulieferer sowie der Agrarsektor werden künftig auf Aufträge aus Russland verzichten müssen – welche Folgen ergeben sich daraus für das deutsche Wirtschaftswachstum?
Cyrus de la Rubia: Die deutsche Wirtschaft leidet sowohl unter den jüngsten Importverboten aus Russland als auch unter den Exportverboten durch die Europäische Union. Die Importverbote für Agrar- und Lebensmittelprodukte sind gesamtwirtschaftlich aber überschaubar. Etwas schwerer wiegen die Beschränkungen im Maschinenbau. Dabei geht es vor allem um Rüstungs- und sogenannte Dual-Use-Güter, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Im Hochtechnologiebereich stehen außerdem Geräte für die Ölförderung auf der Sanktionsliste. Im Finanzsektor sind mehrere russische Kreditinstitute betroffen, die sich nicht mehr in der EU und den USA refinanzieren können. Damit ist auch die Zusammenarbeit mit Finanzinstituten aus Russland betroffen. Insgesamt hinterlassen die Ereignisse der letzten Monate Spuren in der deutschen Wirtschaft und das wird sich auch im Wirtschaftswachstum niederschlagen.

Der Anteil deutscher Exportgüter nach Russland betrug im vergangenen Jahr rund 3,7 Prozent – welche gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen drohen denn durch die Sanktionen?
de la Rubia: Bereits jetzt sind die Exporte nach Russland eingebrochen. Denn neben den Sanktionen geht es der russischen Wirtschaft allgemein nicht gut: Sie stagniert und droht in die Rezession abzurutschen. Daher gibt es auch weniger Nachfrage nach Gütern aus Deutschland, unabhängig von den Sanktionen. Neben diesen direkten Effekten spielt auch die Verunsicherung in der deutschen Wirtschaft eine wichtige Rolle, die durch den Konflikt in der Ost-Ukraine ausgelöst wird. Da der Ausgang des Konflikts ungewiss ist, halten sich die Unternehmen mit Investitionen zurück. Das ist eine weitere Komponente, die das deutsche Wachstum um bis zu 0,3 Prozentpunkte dämpfen könnte. Hinzu kommt: Rund 6.000 deutsche Unternehmen haben Vertriebs- oder Produktionsstätten, die von dem Konflikt betroffen sind. Falls Russland sich irgendwann einmal entschließen sollte, deutsche Vermögenswerte zu beschlagnahmen, würde das einen unmittelbaren Schaden für solche Unternehmen bedeuten.

Wird die Verunsicherung der Unternehmen langfristig spürbar sein – zum Beispiel am Arbeitsmarkt in Deutschland?
de la Rubia: Ja, denn weniger Investitionen und ein geringeres Wachstum bedeuten weniger Kapazitäten und geringere Beschäftigung. Insgesamt sieht es so aus, als ob die Wirtschaft in diesem Jahr trotzdem zwischen 1,5 und 2,0 Prozent wachsen wird. Bei einer solchen Wachstumsrate werden auch weiterhin Arbeitsplätze geschaffen, allerdings in einem gedämpften Maße.

Noch sind keine Importverbote für russisches Erdöl oder -gas beschlossen worden. Doch welche Folgen für die Energieversorgung könnte ein solches Handelsverbot haben?
de la Rubia: Sollte der gerade begonnene Handelskrieg auf den Energiesektor überspringen, hätte die Weltwirtschaft ein großes Problem. Zwar könnten die EU-Länder Erdöl auch über andere Quellen beziehen, nur dann zu ganz anderen Preisen. Es käme einer Verschiebung der Öl-Handelsströme und hätte dramatische Effekte: In einem Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten müsste man damit rechnen, dass der Erdölpreis auf 150 Dollar pro Barrel oder darüber steigt. Das würde die Weltwirtschaft stark in Mitleidenschaft ziehen. Dieses Risiko ist bisher aber als gering einzuschätzen. Steigende Erdölpreise könnten aber auch aus dem Exportverbot für Hochtechnologie resultieren: Denn Russland ist im Bereich der Ölförderung auf Hochtechnologie aus Europa und den USA angewiesen. Viele Erdölfelder könnten nicht mehr erschlossen werden, wenn diese Technik nicht importiert werden darf. Tendenziell würde das zu einem Absinken der russischen Erdölproduktion und damit zu einem Engpass auf dem Weltmarkt führen. Dadurch würden die Preise aber eher langfristig steigen und nicht so schockartig wie bei einem Ölembargo.

Durch die Konflikte im Gaza-Streifen und im Irak herrscht auch im Nahen Osten eine Krisensituation. Was folgt darauf für den Ölpreis und für die deutsche Wirtschaft?
de la Rubia: Es ist schon verwunderlich, dass trotz der Konflikte in Russland und im Nahen Osten der Erdölpreis in den vergangenen Wochen sogar gesunken ist. Konflikte in Ölförderländern haben immer das Potenzial, den Preis nach oben zu treiben. Im Irak ist die Fördermenge derzeit nicht sehr hoch, aber ein großes Potenzial vorhanden. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina findet in der für den Erdölmarkt zentralen Region statt. Jederzeit kann es da zu Entwicklungen kommen, die den Preis für Erdöl nach oben treiben würden. Auslöser für einen Preisschub zeitlich vorherzusagen, ist aber kaum möglich.

Indien hat durch die Ablehnung der WTO-Vereinbarungen von Bali dem Welthandel eine Abfuhr erteilt. Welche Auswirkungen hat das Platzen des Bali-Pakets der WTO auf die deutsche Wirtschaft?
de la Rubia: Das Bali-Paket sollte insbesondere protektionistische Hemmnisse beseitigen, beispielsweise bei der Abwicklung des Handels. Doch es war von vornherein klar, dass die Erfolge dieser Maßnahmen nicht direkt messbar sein würden. Mittel- bis langfristig hätte es sicherlich positive Auswirkungen gehabt. Das Scheitern dieses Abkommens ist aber auch deswegen zu bedauern, weil es eigentlich als Minimalkonsens gedacht war. Wenn nicht einmal dieser durchsetzbar ist, dann besteht keine große Hoffnung mehr auf umfassendere, multilaterale Abkommen in der Zukunft. Das ist letztlich auch der Grund dafür, dass immer mehr bilaterale Abkommen beschlossen oder angestrebt werden, wie etwa das TTIP zwischen der EU und den USA. Diese Abkommen sind aber stets nur die zweitbeste Lösung.