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11.06.2014

Elektrofahrzeuge sind die großen Hoffnungsträger von Klimaforschern, Politikern und Autobauern. Die High Tech-Autos sollen die Luft- und Lärmverschmutzung reduzieren, Bedenkenträger überzeugen und zeigen, was technisch machbar ist. Ein Fahrzeug ragt dabei heraus: Der Tesla S gilt als Vorzeigeprodukt der neuen Elektroinitiative. Schauen wir uns an, was vom Heilsbringer übrig bleibt, wenn man mit dem Wagen fährt.

Tesla S: Das Elektroauto begeisterte nicht nur die Besucher der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt, sondern auch viele Journalisten. (Foto: (c) epa)

Ist der Tesla S das perfekte Auto für Unternehmer?

Zur Beantwortung dieser Frage bestellen wir uns also – zumindest virtuell – das Wunderwerk auf der Homepage von Tesla Deutschland und drücken auf den roten Knopf „Vollausstattung“. Ergebnis: 120.190 Euro. Das ist eine echte Ansage!

Soweit ich die bei Testfahrzeugen übliche Vorgehensweise kenne, bekommen die Medien Wagen mit Vollausstattung zur Verfügung gestellt. Das wäre demnach das Modell, das Medienorgane erfahren durften: ein Tesla S P85 mit allen Extras. Wobei das „P” für Performance steht. Eigentlich müsste es für „Preis“ stehen. Immerhin erkauft man sich damit eine Mehrleistung in Beschleunigung und Spitzengeschwindigkeit, aber auch Batteriekapazität. Man kann es aber auch schwäbisch-sparsamer halten: Wer sich das Einsteigermodell Tesla S mit Vollausstattung zulegt, muss lediglich 95.290 Euro ausgeben. Also 25.000 Euro gespart. Immerhin! Aber dafür auch weniger Endgeschwindigkeit, weniger Beschleunigung und weniger Energiekapazität. S wie „Sparbrötchen“?

Was macht ein Unternehmer damit?

Erstens fährt er vom Hof des eigenen Anwesens und zeigt den Nachbarn, was modern heißt: weder Stern noch Niere. Und zweitens? Einfach mal zu einem Geschäftstermin fahren. Wie immer ist Zeit eine knappe Komponente und man hat es eilig. Bewegen wir den 2.100 Kilogramm schweren Wuchtbrummer auf die Autobahn. Und geben Gas. Wir haben großes Glück, die Autobahn ist herrlich leer, keine Geschwindigkeitslimits in Sicht. Unser Tesla S P85 schafft über 200 Kilometer pro Stunde! Die Beschleunigung zaubert ein Lächeln aufs Gesicht, die satte Straßenlage entspannt Geist und Körper. Die 200 Kilometer bis zum Kunden schaffen wir pünktlich und zügig. Tesla gut, alles gut?

Das entspannte Lächeln verkrampft sich schneller als man denkt: Eine angenehme Frauenstimme weist uns freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass bald Schluss mit lustig ist! Nach Kilometer 150 droht uns die dröge Leere des Akkus! Das vollmundige Versprechen des Herstellers bis zu 502 Kilometer weit zu kommen, verwandelt sich gedanklich in ein kleinlautes: „Ja, aber nur wenn Sie ganz sachte beschleunigen und nicht schneller als 120 fahren“. Und selbst dann reicht es nur bis 350 Kilometer an Reichweite.

Sie könnten nun Ihren Kunden anrufen und sagen: „Ich kann leider nicht pünktlich kommen, mir ist die Energie ausgegangen.“ Und laden dann brav an der nächstgelegenen Ladesäule in aller Seelenruhe nach. Denn die Minuten beim Benzintanken werden zu Stunden beim elektrischen Tanken. Immerhin sorgen Sie damit für ein interessantes Small-Talk Thema beim Kunden – Stunden verspätet.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein mobiles Produkt, das 120.000 Euro kostet. Nur sollte es bitte nicht schneller als ein Fiat Panda bewegt werden. Und es ist sinnvoll mehrere Stunden inklusive Nachladen für längere Geschäftsfahrten einzuplanen. Wo bleibt da nur der Anstrich, modern sein zu wollen? Stellen wir uns lieber sachlichere Fragen, denn einen Tesla S als das Vorzeigemodell der Presse zu hinterfragen. Der Tesla ist ein zu leichtes Opfer.

Das Elektroauto ist 2014 langstreckentauglich. Damit fällt ein großes Argument der Skeptiker der E-Mobilität weg. (…) Mit der Kombination Model S und Supercharger zeigt Tesla der Autonation Deutschland auf deren Heimatboden, wie die Mobilität der Zukunft aussieht.

Die Autobild war vom Tesla S ganz begeistert

e-Problemzone Firmenfahrzeuge

Es beginnt schon bei den Anschaffungskosten: Die herkömmlichen Benzinbrüder sind um die 10.000 bis 20.000 Euro günstiger. Zwar kommt das Finanzamt seit 2013 Geschäftswagenbesitzern mit einer angepassten ein Prozent Regel entgegen („Amtshilferichtlinien-Umsetzungsgesetz“, maximal 9.500 Euro vom Bruttopreis absetzbar), Flottenmanager winken dennoch angesichts der hohen Anschaffungskosten ab. Zumal auch der Wiederverkauf ein großes Problem darstellt, da der Markt für gebrauchte E-Fahrzeuge extrem klein ist (2012 wurden 1,83 Millionen Firmenwagen neu angemeldet, davon werden lediglich 5.200 elektrisch betrieben) und passende Leasingangebote außerhalb der Autobankenszene kaum existieren.

Was die laufenden Betriebskosten und flexiblen Nutzungsszenarien angeht, können die Stromer ebenfalls kaum punkten. Solange man mit keinen Szenarien für intensiv genutzte Kurzstrecken aufwarten kann, werden Firmenflotten bis auf weiteres mit Benzin- und Dieselantrieben bestückt.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ökologisch verantwortungsbewusste Unternehmen den gesamten Nachteilekomplex in Kauf nehmen könnten, um sich gegenüber der Kundschaft auch hier aufgeschlossen zu zeigen. Mir selbst sind außer den Stadtwerken kaum Beispiele bekannt, für einen grünen Flottendaumen offen zu werben. Das zeigen letztlich nicht nur die ernüchternden Absatzzahlen auf, sondern auch die Aussagen abwinkender Flottenmanager, wenn es um die Gesamtkostenverläufe und flexible Anwendungsszenarien geht.

Spaßfaktor kontra Amtshilferichtlinien-Umsetzungsgesetz

Aber kann man so darüber entscheiden, ob man sich einen Tesla zulegen möchte? Auf Basis von Betriebskosten und dem Amtshilferichtlinien-Umsetzungsgesetz? Schalten wir also die Ratio mal kurz aus und fragen uns, ob ein solches Auto etwa keinen Spaß machen soll? Antwort: Und ob es das soll! Das belegt auch das große Interesse an Tesla. Knapp 200.000 Menschen schauten sich in den vergangenen Wochen den eindrucksvollen Youtube-Beitrag von Jean-Pierre Kraemer an. Darin findet sich alles wieder, was nicht nur den aus der TV-Sendung „Die PS Profis“ bekannten Moderator begeistert: Anmutung, Computersysteme, Gefühl und Beschleunigung! Ein Grund dafür ist allerdings auch, dass Tesla nicht das Problem hatte, Elektroantriebe in bestehende Modelle verbauen zu müssen.

Klar ist: Tesla und allen voran ihr Antreiber und Gründer der Firma, Elon Musk, haben großen Wert darauf gelegt, einen Wagen zu schaffen, der von der äußerlichen Anmutung her nicht nur als schick angesehen wird, sondern auch durch innere Werte und Innovation zu überzeugen weiß. Selbstverständlich gehört dazu die gesamte Batterieanlage, aber auch der Elektromotor.  Üblicherweise sieht die Rechnung bei Benzinern wie folgt aus: Je größer der Motor, umso stärker die Leistung. Das geht soweit, dass ein Sportwagen zwar 250 Kilometer pro Stunde schnell fahren kann, dann aber auch alle 200 bis 300 Kilometer an die Tanke muss. Fährt man etwas moderater, kommt man mit 160 bis 180 Kilometer pro Stunde rund 400 bis 500 Kilometer weit.

Bei einem Elektroantrieb sieht die Rechnung etwas anders aus: Egal wie stark der Motor ist, die Reichweite muss über eine größere Batteriekapazität erkauft werden. Einem Benziner reicht bereits ein Anstieg des Tankvolumens von 40 auf 60 oder 80 Liter. Das macht sich gewichtsmäßig kaum bemerkbar. Tesla musste jedoch eigens – um auf die Reichweitenangaben von „bis zu 500 km“ zu kommen – eine Batterieanlage verbauen, die rund 500 bis 600 Kilogramm wiegt. Das Ganze nochmal für Fachleute: Die 85 Kilowattstunden-Batterie enthält 7.104 Lithium-Ionen-Batteriezellen in 16 Modulen in Reihe (14 in einem flachen Abschnitt mit zwei zusätzlichen Modulen auf der Stirn gestapelt) verdrahtet. Jede Einheit enthält sechs Gruppen von 74 Zellen parallel geschaltet. Die sechs Gruppen sind in Reihe innerhalb des Moduls verdrahtet. Das Akku-Pack (ab Juli 2012) verwendet Panasonic-Zellen mit Nickel-Kobalt-Aluminium-Kathoden. Eine Kühlfüssigkeit ummantelt die Energieträger, ebenso eine entsprechende Metallwanne und mittlerweile wird sogar ein Titanboden verbaut, um bei Unfällen von unten eindringende Gegenstände abzuhalten, die Batterieanlage zu beschädigen, was Brandfolgen nach sich ziehen könnte. Das Unternehmen weiß also nur zu gut, dass es sein Kernwissen in diesem Bereich weiter ausbauen muss. Aus diesem Grunde hatte erst kürzlich Elon Musk angekündigt, eigene Batteriefabriken zu bauen.

Nach drei Tagen in Teslas Model S ist klar: Das Auto hat seinen Autobahn-Test bestanden. Der Wagen widerlegt eindrucksvoll das Vorurteil, Elektroautos hätten generell ein Reichweitenproblem. Zugleich ist er eine Ohrfeige für die Autonation Deutschland.

Auch das Manager-Magazin brach in schiere e-Kstase aus

Fazit

So schön der Gedanke an ökologisch anmutende Fahrzeuge auch sein mag, so unschön sind in der jetzigen Phase die damit einhergehenden Probleme, die nicht von der Hand zu weisen sind. Wir können daher nur vermuten, dass sich Hybridfahrzeuge eher auf Mittel- und Langstrecken durchsetzen werden. Dafür werden reine Elektroantriebe auf Kurzstrecken je nach der künftigen Entwicklung der Anschaffungswerte, Wertverluste für Gebrauchte, Betriebskosten, Steuervorteile und Finanzierungsmodelle womöglich die dominante Antriebstechnologie darstellen.

Über den Autor

Robert Basic nennt sich selbst „Blogger mit Leib und Seele seit 2003. Technikaffin, neugierig, am soziotechnischen Wandel der Zeit interessiert, Anhänger und Skeptiker des Fortschrittsglaubens.“ Basic ist Gründer des Onlineblogs Basic Thinking, der zu Deutschlands erfolgreichsten Blogs zählt und den er erfolgreich verkaufte. Derzeit betreibt er die Blogs www.robertbasic.de und www.buzzriders.com.

Und unser Tesla, der so herzhaft vollmundig vom Manager-Magazin angepriesen wurde: „Das Auto ist derzeit einfach zu gut für Deutschland. Damit ist es aber zugleich ein Ansporn für Industrie und Politik, endlich zur Aufholjagd zu blasen“? Als hübsches Vorzeigemodell macht er durchaus etwas her, sorgt für Fahrspaß, Gespräche und Neugier. Aber seit wann muss eine fahrende Batterie für den Ansporn oder gar Untergang der deutschen Industrie herhalten? Immerhin haben Fliegende Fische weder Kabeljau noch Hering verdrängt. Fische schwimmen im Wasser. Punkt.