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Positionen

„Ohne gemeinsamen Binnenmarkt scheitert die EU“

25.06.2014

Professor Dr. Hennig Vöpel vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut erläutert, welche Konsequenzen ein möglicher EU-Austritt Großbritanniens für den deutschen Mittelstand hätte. Der Experte beleuchtet die möglichen ökonomischen Auswirkungen und warnt vor zunehmend nationalen Interessen in Europa.

Prof. Dr. Henning Vöpel ist seit 2006 Senior Economist am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) und wird ab 1. September 2014 die Co-Geschäftsführung am HWWI übernehmen (Foto: HWWI)

Herr Professor Vöpel, bei der Fußball-WM ist England bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Ist für die Briten nun auch in der EU bald Schluss?
Das ist eine berechtigte Frage. Während England bei der Fußball-WM ja eher unfreiwillig ausgeschieden ist, geht es bei dem Verbleib der Briten in der EU um eine freiwillige Entscheidung. Es gibt zwar unterschiedliche Gründe für das jeweilige Ausscheiden, aber beides ist doch symptomatisch für die Haltung der Briten, sich vor der Welt eher abzuschotten anstatt sich zu öffnen.

Was droht deutschen Unternehmen, wenn sich Großbritannien tatsächlich aus der EU verabschiedet?
Unternehmer, die mit dem Land wirtschaftliche Beziehungen unterhalten, müssten befürchten, dass sich der rechtliche und regulatorische Rahmen ändert. Daher würde aus einem Austritt eine große Unsicherheit für Unternehmen resultieren.

Es könnte also zur Einführung von Zöllen oder anderen Formen von Protektionismus kommen?
Genau. Das ist zwar nicht sofort zu erwarten. Aber in dem Moment, in dem ein Land austritt, besteht die Befürchtung, dass Industriepolitik und Protektionismus wieder Einzug halten, da es nicht mehr an die Bestimmungen des gemeinsamen Binnenmarkts gebunden ist.

Liegt politische Einmischung in die Wirtschaft momentan generell im Trend?
Auch in Frankreich hat sich die Politik jüngst in den Fall Alstom eingeschaltet…
Das ist eine gefährliche Entwicklung. In der langen Phase der Globalisierung gab es gemeinsame Interessen, aber in der Krise der vergangenen Jahre sind unterschiedliche nationale Interessen offenkundig geworden. Dazu gehört auch eine Industriepolitik, die für die Interessen der eigenen Unternehmen kämpft. Das ist aber eigentlich nicht verträglich mit dem Verbot von „state aid“, wonach keine Staatshilfen für eigene Unternehmen gewährt werden dürfen. Dieser politische Trend steht im Konflikt zu den rechtlichen Freiheiten, die im Europäischen Binnenmarkt garantiert werden.

Wie weit kann dieser Trend noch gehen?
Es gibt den Versuch der Politik, nationale Interessen gegen die Grundfreiheiten des europäischen Marktes stärker durchzusetzen. Es wäre fatal, diesen Bestrebungen nachzugeben. An den Grundfreiheiten des Marktes darf niemals gerüttelt werden. Würde das geschehen, wäre Europa vermutlich noch eher am Ende, als wenn der Euro scheitern würde. Der gemeinsame Binnenmarkt ist für Europa die Grundlage seines wirtschaftlichen Erfolgs.

Was würde in einem solchen Fall mit dem Britischen Pfund passieren?
Höchstwahrscheinlich würde es abwerten, weil Großbritannien weniger attraktiv wäre für Direktinvestitionen. Es käme weniger Kapital von außen in das Land, was langfristig für das Wachstumspotenzial des Landes negative Konsequenzen hätte.

Bisher ist die Europäische Union nur gewachsen und noch kein Land ausgestiegen. Wie kann so ein geordneter Rückzug eines Landes aussehen, gerade auch im Hinblick auf die gemeinsame Wirtschaftspolitik?
Laut Europäischen Verträgen ist es möglich, dass ein Land aus der Union austritt. Das wäre im Grunde nur ein formaler Akt. Viel wichtiger ist die Frage, welche politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen es hätte. Großbritannien würde sich vermutlich politisch und wirtschaftlich isolieren. Auch die wirtschaftlichen Beziehungen auf Unternehmensebene würden Schaden nehmen, weil die Unsicherheit groß wäre und Unternehmen stattdessen in andere europäische Länder gehen könnten, die genauso attraktiv sind wie Großbritannien.

Zur Person: Prof. Dr. Henning Vöpel

Henning Vöpel absolvierte ein Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. Anschließend war er dort als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Außenhandel und Wirtschaftsintegration tätig. Im Februar 2004 promovierte er zum Dr. rer. pol. mit der Arbeit "Stabilisierungswirkungen der Geldpolitik – eine theoretische und empirische Analyse". In der Folge arbeitete er zwei Jahre lang als Unternehmensberater. Seit Februar 2006 ist Vöpel Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI), wo er unter anderem für die Konjunkturanalyse des Euroraums zuständig ist. Seit Januar 2010 lehrt er zudem als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hamburg School of Business Administration (HSBA). Ab September 2014 wird Vöpel die Co-Geschäftsführung des HWWI übernehmen.

Oder sogar attraktiver: Die Preissteigerungen auf dem Immobiliensektor in Großbritannien haben die Angst vor einer Blase geschürt. Viele Experten fühlen sich an die Situation in Spanien vor der Finanzkrise erinnert ...
In der Tat gibt es Hinweise, dass es in Teilen Großbritanniens zu einer Blase gekommen ist. Das ist problematisch, weil in der City of London ein großer Finanzsektor vorhanden ist. Zu einer Ansteckung der Finanz- über die Immobilienmärkte sollte es besser nicht kommen. Inwieweit es sich schon um eine Blase handelt, lässt sich schwer sagen und auch nicht, wann sie platzt. Zu den Parallelen: In Spanien gab es die Immobilienpreisblase und gleichzeitig die dramatischen Verschuldungen der privaten Haushalte und des Finanzsektors. Eine ähnliche Konstellation droht auch in Großbritannien.

Welchen Rat würden Sie den europäischen Politikern geben?
Wir sehen, dass die Globalisierung zu einer Umwälzung der Weltwirtschaft geführt hat. Es ist unvermeidlich, dass China und andere bevölkerungsreiche Schwellenländer an Gewicht gewinnen werden. Damit kommt es zu ökonomischen und geopolitischen Machtverschiebungen. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, die Einheit Europas zu bewahren: als Wertegemeinschaft, aber auch als Währungsraum. Dies ist unabdingbar, um auch in den nächsten Jahrzehnten ein entsprechendes Gewicht in der Weltwirtschaft zu erhalten.