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Exklusivinterview
14.04.2014

Ein Interview mit Lutz Goebel, Präsident „Die Familienunternehmer – ASU“ und Chef der Maschinenbau-Gruppe Henkelhausen über das Rentenpaket der Bundesregierung und die Folgen für den deutschen Mittelstand.

Lutz Goebel, Unternehmer und Präsident des Verbands für Familienunternehmer – ASU, argumentiert gegen die Rente mit 63. (Foto: picture alliance / ZB)

Herr Goebel, die große Koalition plant die Rente mit 63. Was halten Sie davon?
Lutz Goebel: Ich halte die abschlagsfreie Rente mit 63 für eine Katastrophe. Die geht voll gegen die Betriebe und ist extrem gefährlich. Mitarbeiterinnern und Mitarbeiter, die hervorragend arbeiten, denken nun darüber nach, vorzeitig in Rente zu gehen. Die demographische Entwicklung zwingt uns jedoch, länger zu arbeiten, und die Menschen in Deutschland haben das verstanden. Nun kommt dieser unsinnige Vorschlag. Alles spricht gegen die Rente mit 63.

Was bedeutet die Rente mit 63 konkret für Ihr Maschinenbauunternehmen?
Lutz Goebel: Wir haben etwa 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon könnten im kommenden Jahr ein Dutzend zusätzlich in Rente gehen. Die leisten fantastische Arbeit und sind sehr schwer zu ersetzen – vor allem so plötzlich. Je nach Berechnungen würden der gesamten deutschen Industrie durch die Rente mit 63 zwischen 100.000 und 200.000 Leute jährlich wegbrechen. Das ist nicht auszugleichen. 

Wie erklären Sie sich, dass die Große Koalition trotz des Widerstands aus der Wirtschaft die Rente mit 63 einführen will?

Lutz Goebel: Es herrscht offenbar die Meinung vor, man könnte im großen Stil Geschenke verteilen. Die CDU wollte die Mütterrente, die SPD hat nun den IG-Metall Vorschlag der Rente mit 63 übernommen. Das kann aber nur bis zum Jahr 2017 aus den Rücklagen der Rentenkasse bezahlt werden. Danach ist eine Beitrags- oder Steuererhöhung fällig, alternativ wächst der Schuldenberg weiter an – alles zu Lasten der jüngeren Generation.

Das Renteneintrittsalter soll vorgezogen werden, gleichzeitig sank die Zahl der Lehrlinge 2013 auf den niedrigsten Stand seit 1976. Droht Deutschland ein nachhaltiger Fachkräftemangel?
Lutz Goebel: Absolut. Bis zum Jahr 2025 gehen uns etwa 6,5 Millionen Arbeitskräfte verloren. Diese Lücke müssen wir schließen.

Wie kann das gehen?
Lutz Goebel: Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Wir müssen die handwerkliche Arbeit in den Betrieben wieder attraktiver machen. Momentan gehen viele junge Menschen lieber studieren. Außerdem haben wir in Deutschland auch viel zu viele Schulabbrecher – über 50.000. Die müssen wir für Ausbildungen gewinnen.

Wie wäre es denn mit Lohnerhöhungen oder Mehrarbeit?
Lutz Goebel: Die letzten Tarifabschlüsse bedeuteten ein sattes Plus für die Beschäftigten. Viele Facharbeiter verdienen gutes Geld. Ich weiß nicht, ob alle Hochschulabsolventen so viel bekommen. Mehrarbeit ist nur in begrenztem Umfang möglich. Das möchten die Beschäftigten dauerhaft nicht. Allerdings ist eine Flexibilisierung der Arbeitszeit wichtig, mit Arbeitszeitkonten und wenn notwendig mit Überstunden.

Was halten Sie davon, Fachkräfte aus anderen Ländern anzuwerben?
Lutz Goebel: Mein Vater war schon in den 1960er Jahren in Andalusien unterwegs, um Spanier nach Deutschland zu holen. Das hat gut geklappt. Das kann ich mir auch in Zukunft vorstellen. Allerdings muss man bedenken, dass wir es als deutschsprachiges Land schwerer haben als englischsprachige Länder. Unterm Strich wäre es am besten, wir würden unsere gut ausgebildeten, fitten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht zu früh in Rente schicken.