SUCHE

Gastbeitrag

Denkende Roboter revolutionieren den Arbeitsmarkt

05.02.2014

Lernende Maschinen, billige Sensoren und mobile Roboter: Das ist eine explosive Mischung für jeden Unternehmenslenker. Schon bald könnten Computer einen grundlegenden Wandel am Arbeitsmarkt hervorrufen.

Ein Roboterskelett: Roboter können auch die geistigen Fähigkeiten von Menschen erwerben.

Roboter können auch die geistigen Fähigkeiten von Menschen erwerben. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Neue Produkte und Fertigungsmethoden werden den technischen Fortschritt wahrscheinlich so stark beschleunigen wie seit der industriellen Revolution nicht mehr. „Die Forschung erklärte uns noch vor wenigen Jahren, warum es selbstfahrende Autos auf absehbare Zeit nicht geben werde. Sie wurde von einer Cutting-Edge-Technologie überholt, die solche Autos Realität werden ließ“, erklären Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology. 

Lange Zeit für unmöglich gehaltene Technologiesprünge wie das selbstfahrende Auto sehen die Forscher in vielen Feldern. Lernende Maschinen wie IBMs Supercomputer Watson, die nicht nur natürliche Sprache verstehen, sondern aus einem unbegrenzten Wissensgebiet die richtigen Antworten besser als Menschen herausfinden können, lassen sich in vielen Berufen einsetzen. Für Mediziner kann die Software die passenden Vergleichsfälle aus Hunderttausenden Fachartikeln oder klinischen Tests herausfiltern. Oder Anwälte können Präzedenzfälle per Knopfdruck finden.

Roboter übernehmen Bürotätigkeiten

Wenn erstmals Maschinen aber nicht nur Muskelkraft, sondern die geistigen Fähigkeiten der Menschen ersetzen, steht der Arbeitsmarkt vor einem zweiten grundlegenden Wandel.

Nach Schätzungen amerikanischer Wissenschaftler besteht für 47 Prozent aller Beschäftigten auf dem US-Arbeitsmarkt ein hohes Risiko, dass ihre Tätigkeiten innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten von Computern beziehungsweise Robotern übernommen werden.

Holger Schmidt

Dazu gehören beinahe alle Jobs in den Branchen Transport und Logistik, Supportfunktionen in Büros und Verwaltungen und auch die klassische Produktion. Darüber hinaus seien auch viele Dienstleistungsberufe durch den Fortschritt bei Servicerobotern betroffen. Die steigende Produktivität der Arbeit könnte aber auch ausgelagerte Jobs wieder zurückholen, wenn zum Beispiel die iPhones nicht von Arbeitern in China, sondern von Robotern in Kalifornien produziert werden, die wiederum von hoch qualifizierten Informatikern gebaut wurden.

Trotzdem wird die digitale Revolution Spuren in Wirtschaft und Gesellschaft hinterlassen. Die Unternehmensberatung McKinsey erwartet, dass die aktuellen Technologiesprünge in gleich mehreren Gebieten die Arbeit von 100 bis 140 Millionen Wissensarbeiter bis zum Jahr 2025 ersetzen können, vor allem in den Industrieländern. Eindeutige Gewinner sind nur die oberen 20 Prozent der Einkommenspyramide, die immer reicher werden. Zur Studie geht es hier.

US-Bevölkerung protestiert

Erste Auswirkungen dieser digitalen Spaltung sind zurzeit in San Francisco zu beobachten, wo die Bevölkerung gegen die Google-Busse (und deren gut verdienende, die Mieten hochtreibenden Passagiere) protestiert. Dort sind nur noch 14 Prozent der Häuser auf einem Preislevel, das sich die Mittelschicht leisten kann. Wissenschaftlicher Hintergrund ist die „Ökonomie der Superstars“: Märkte, in denen der Beste alles bekommt, existieren in der digitalen Welt viel häufiger als in der alten analogen. In einer digitalen Welt ohne Beschränkungen, in der einmal erstellte digitale Produkte kostenlos vervielfältigt werden können, in der es so gut wie keine Transportkosten für digitale Produkte sehr wichtig sind, genügt meist ein kleiner Vorteil, um den gesamten Markt zu gewinnen, während der Zweitplatzierte leer ausgeht.

Es mache aber keinen Sinn, sich gegen die Technik zu wehren, argumentieren die MIT-Wissenschaftler Brynjolfsson und McAfee: „Wir können das Rennen gegen die Maschinen nicht gewinnen, zumal die Maschinen immer schneller werden, die Menschen aber nicht. Aber die Menschen können lernen, besser mit den Maschinen zu rennen, sie als Verbündete und nicht als Gegner zu betrachten.“ Der Hebel sei eine gute Bildung, die ebenfalls durch die Technik verbessert werde. Onlinekurse machen es für alle möglich, mehr zu lernen.

Über den Autor

Holger Schmidt befasst sich als Journalist seit 15 Jahren mit der digitalen Wirtschaft. Als Chefkorrespondent mit Schwerpunkt Internet schreibt er im FOCUS die wöchentliche Seite Digital und den Netzökonomie-Blog. Zuvor hat er 14 Jahre für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über die digitale Wirtschaft berichtet. Holger Schmidt, Jahrgang 1966, ist promovierter Volkswirt.