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Evangelische Akademiewoche
31.10.2013

Deutliche Worte von der Bischöfin a. D. Margot Käßmann: „Uns fehlt eine Ethik des Genug. Gier hat vielerorts die soziale Verantwortung ersetzt“, sagte sie bei einem Vortrag im Rahmen der Evangelischen Akademiewoche 2013 in der Hamburger Kirche Sankt Michaelis, genannt Michel. Das Herz vieler Menschen hänge „am Geld, am Haben – Konsum wird zur Religion“, kritisierte die Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjahr 2017.

Die ehemalige Landesbischöfin Margot Käßmann schreibt der Wirtschaft eine dienende Funktion zu. Gerade führende Personen sollen sich dem Ganzen verpflichten. (Foto: Marco Grundt Fotografie Hamburg)

Margot Käßmann, ehemalige Landesbischöfin in Hannover und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche (EKD), sprach im Michel zum Thema „Reformation und unternehmerisches Handeln“. Dabei betonte sie die große Bedeutung, die das Individuum in der Reformation bekommen habe. Damit sei aber verbunden, dass jeder Mensch sein „Gewissen schärfen und Verantwortung übernehmen“ müsse. Damit hänge ein Bildungsanspruch für alle zusammen, so die Professorin. „Beides sind für mich Aspekte, die wir mit Blick auf Unternehmerinnen und Unternehmer festhalten können.“ Gerade aus Sicht der Reformatoren sei weltliches Leben nicht weniger wert gewesen als ein priesterliches, klösterliches Leben. Vielmehr gehe es darum „im Glauben zu leben, im Alltag der Welt.“

Wie Margot Käßmann sagte, habe Luther die Freiheit der Christen betont. „Aber“, so die Bischöfin a. D., „es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung, es gibt aber auch keine wirkliche Verantwortung ohne Freiheit. Beides ist gegründet im Glauben an den Gott, der uns selbst beschenkt und beauftragt hat.“

Verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln ist bedroht

Für Margot Käßmann ist klar, dass die Wirtschaft eine dienende Funktion ausüben muss. „Sie muss sich in das Gesamtgefüge, das für Luther göttlich gestiftet ist, einpassen und darf es nicht zerstören. Die Menschen und gerade die führenden Personen in der Wirtschaft sind dem Ganzen verpflichtet.“ Martin Luther habe schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts vor einer sich verselbständigenden Geldwirtschaft gewarnt. „Ich denke, dass durch die bekannten Auswüchse auf den Finanzmärkten verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln im Kern ebenso bedroht ist, wie die Wohlfahrt eines Landes allgemein.“

Margot Käßmann sprach im Hamburger Michel über verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln. (Foto: Marco Grundt Fotografie Hamburg)

Allerdings sei für Luther der Besitz an sich kein Problem gewesen. Die Frage sei nur immer, ob das eigene Herz vom Besitz und vom Geld beherrscht werde oder man selbst Besitz und Geld beherrschen könne. „Wir können ja nicht alle Bettler sein, sondern jeder soll so viel vor sich bringen, dass er sich nähren könne und nicht andere beschwere, sondern anderen dazu helfe“, zitierte Käßmann den Reformator Martin Luther.

Unternehmer haben Verantwortung für das Gemeinwesen

Um die Bedeutung der wirtschaftlichen Aktivität für ein funktionierendes Gemeinwesen zu betonen, ging Margot Käßmann auf eine Denkschrift der EKD zum Thema „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ aus dem Jahr 2008 ein. Eine der Leitthesen zitierte sie: „Unternehmerisches Handeln ist von zentraler Bedeutung für Innovation, Wertschöpfung und gesellschaftlichen Wohlstand.“ Allerdings dürfe dabei nie die Verantwortung für das Gemeinwesen aus den Augen verloren werden und auch nicht die soziale Verantwortung. So müssten die Gehälter in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Wenn aber Spitzenmanager in einer Stunde mehr verdienen würden als eine Erzieherin im Monat sei die Diskrepanz so groß, „dass von Gemeinwohl keine Rede mehr sein kann.“

Im Anschluss an den Vortrag diskutierten Vertreter aus der Hamburger Wirtschaft, der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Unternehmer in Deutschland und der Versammlung des Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg unter Moderation von Matthias Wittenburg, Marktvorstand bei der HSH Nordbank, mit Margot Käßmann über ihren Vortrag.

 

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