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Dr. Thomas Vahlenkamp

Gedämpfte Aussichten für die chemische Industrie in Deutschland

21.05.2013

Eine Folge der Energiewende ist für deutsche Unternehmer längst spürbar: Die Strompreise sind hierzulande im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Das könnte langfristig die energieintensiven Industrien verändern, meint Dr. Thomas Vahlenkamp, Energieexperte und Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey.

Glasflasche

Die hohen Energiekosten in Deutschland könnten zum Standortnachteil für die Chemieindustrie werden. (Foto: picture alliance / PhotoAlto)

Energiekosten sind ein wichtiger Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit eines Industriestandortes. Wie schlägt sich Deutschland in dem Bereich nach der Energiewende?

Dr. Thomas Vahlenkamp: Wenn man über Energiekosten spricht, sollte man zwei Aspekte betrachten: Zum einen die Kosten für Rohstoffe wie Kohl, Gas oder Öl – da hat sich nicht viel verändert. Zum anderen die Strompreise. Da liegt Deutschland etwa dreizehn Prozent über dem europäischen Durchschnitt. Im Vergleich dazu hat sich in den USA der Strompreis halbiert und der Gaspreis gedrittelt.

Wie erklärt sich der große Unterschied bei den Strompreisen zu den USA?

Vahlenkamp: Das liegt vor allem am sogenannten Shale-Gas in den USA. Durch eine neue Technik kann man Gas aus Gestein gewinnen. Dadurch hat das Angebot an Gas stark zugenommen, es übersteigt die Nachfrage. Die Preise sind massiv gesunken, im Vergleich zu 2008 um zwei Drittel. Mit diesem billigen Gas wird dann Strom erzeugt, der ebenfalls billig verkauft wird.

Was bedeutet das für die amerikanische Wirtschaft?

Vahlenkamp:
Das wirkt wie ein gigantisches Konjunkturprogramm für die USA. Allein in der chemischen Industrie haben sich die Investitionen in den vergangenen Jahren verdoppelt. Das wird sich mit Verzögerung auch positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken.
         
Kommen deutsche Firmen, die mit erheblich höheren Produktionskosten kalkulieren müssen, durch die niedrigen  Energiepreise in den USA unter Druck?


Vahlenkamp: Die Standortbedingungen insgesamt sind in den USA sehr gut: politische und rechtliche Stabilität, Sicherheit, gute Infrastruktur, qualifizierte Arbeitskräfte.

Wandern deutsche Unternehmen aufgrund der niedrigen Strompreise in die USA ab?


Vahlenkamp: Das ist sicherlich kein genereller Trend, aber einzelne Chemiefirmen rechnen genau durch, ob sie zur Verlagerung besonders energieintensiver Synthesestufen in die USA gezwungen sind. Das ist eine langfristige Entwicklung, die Strukturen verändern kann. Wenn eine Anlage ohnehin ersetzt werden muss, dann kann es wirtschaftlich sinnvoll sein, sie in den USA statt an alter Stelle aufzubauen.

Ist der Chemiestandort Deutschland damit bedroht?

Vahlenkamp:
Ich bin kein Freund von Schwarzmalerei. Die bestehenden Anlagen werden hier weiterbetrieben. Aber die Wachstumsaussichten für die chemische Industrie in Deutschland sind unter den aktuellen Bedingungen gedämpft.