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Börsen-Zeitung

Die USA muss geldpolitisch globale Verantwortung übernehmen

28.05.2013

Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, über die weltweiten Folgen einer von extrem niedrigen Zinsen geprägten US-Geldpolitik.

"Die Fed ist unsere Zentralbank, aber Euer Problem", sagte US-Notenbankchef Bernanke. Nein, hat er nicht. Aber er hätte es in Anlehnung an die Aussage des ehemaligen Finanzministers John Connally sagen können, denn die US-Geldpolitik wird immer mehr zu einem globalen Problem. Die von der amerikanischen Zentralbank Monat für Monat in die Märkte gepumpte Liquidität breitet sich nicht nur global aus, sondern sorgt auch für monetäre Abwehrmaßnahmen, durch die ihrerseits noch mehr Liquidität geschaffen wird. Blasenbildungen und das Platzen von Blasen werden damit unvermeidlich.

Japan zieht nach

Das beste Beispiel für Abwehrmaßnahmen ist Japan. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 hat Japan in geldpolitischer Hinsicht bis vor kurzem mit geradezu stoischer Ruhe reagiert. Da jedoch die US-Notenbank ihre Bilanzsumme in diesem Zeitraum etwa verdreifacht hat, wertete der japanische Yen massiv auf und brachte damit exportorientierte Unternehmen wie Toyota, Sony und Toshiba in Bedrängnis. Der neue Ministerpräsident Shinzo Abe wollte sich das offensichtlich nicht mehr gefallen lassen und hat die Notenbank in diesem Jahr angewiesen, nachzuziehen. Im Ergebnis pumpt die Bank of Japan nunmehr umgerechnet 75 Milliarden USD pro Monat in die Märkte, die sich ihren Weg in andere Marktsegmente bahnen.

Nun wehren sich auch andere Länder. Südkorea hat den Leitzins im Mai gesenkt, Israel hat es kürzlich dem asiatischen Land gleich getan und China ergreift Maßnahmen, um den Zufluss an Devisen zu bremsen, der vielfach an den Kapitalverkehrskontrollen vorbei ins Land strömt. Sie alle wollen verhindern, dass ihre Währung zu stark aufwertet und auf diese Weise die Wirtschaft ins Trudeln kommt.

Alte Denkschemata überdenken

Vor diesem Hintergrund lassen sich vier Dinge konstatieren:

  1. Die traditionelle Sicht, dass Länder bei flexiblen Wechselkursen eine autonome Geldpolitik betreiben können, muss man offensichtlich über Bord werfen, auch wenn US-Notenbankchef Bernanke sie kürzlich erst wieder vertreten hat.
  2. Mit dem Grundsatz, Devisenmarktinterventionen möglichst zu vermeiden (womit sich ein flexibles Wechselkursregime ergibt), glaubte man Abwertungswettläufe unterbinden zu können. Die heutige Welt zeigt jedoch, dass  Regierungen und Zentralbanken einen Ersatz für Devisenmarktinterventionen gefunden haben, und zwar die verstärkte Schaffung von Zentralbankgeld durch den Ankauf von Staatsanleihen. Je mehr eigene Währung "gedruckt" wird, desto weniger ist diese im Verhältnis zu Drittwährungen wert und desto mehr steigt die relative Wettbewerbsfähigkeit.
  3. Die Geldpolitik der USA hat aufgrund der Vormachstellung des Dollar in den Währungsmärkten einen dominanten Einfluss auf die Geldpolitik von Drittstaaten. Damit geht auch Verantwortung einher. Dieser Verantwortung wird die Fed nicht gerecht, wenn sie sich lediglich auf die heimische Arbeitslosenrate und die Inflationsrate als Zielgröße konzentriert.
  4. Die unorthodoxe Geldpolitik, die mit extrem niedrigen Zinsen über die gesamte Laufzeitstruktur einher geht, breitet sich von den USA ausgehend aus und richtet nachhaltigen Schaden in Form von Fehlallokation von Ressourcen und Umverteilung an.

Neue Zielfunktion und internationale Koordination

Sowohl aus geldpolitischer als auch aus globaler Sicht gibt es hier Reformbedarf. Die Zielfunktion einer Notenbank sollte nicht nur auf Güterpreisstabilität und Wachstum ausgerichtet sein, sondern in gleichberechtigter Weise die langfristige (internationale) Finanzmarktstabilität beinhalten. Eine Zentralbank müsste dann auch die Kosten von lang anhaltenden Niedrigzinsphasen und überschüssiger Liquidität in ihren Entscheidungen berücksichtigen. Außerdem bedarf es einer internationalen Koordination der Geldpolitik, die im G-20-Gremium oder dem IWF angesiedelt sein sollte. Denn wenn Staaten beginnen, ihre Zentralbankpolitik als Abwehrmaßnahme gegen die monetären Maßnahmen der global dominierenden Fed zu verstehen, dann ist ein Währungs- und ein Handelskrieg nicht weit entfernt. Dieser Gefahr muss begegnet werden.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

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