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24.04.2013

Jahrzehntelang wurden Entscheidungen in Unternehmen in erster Linie auf Basis von Erfahrungswerten der Führungskräfte getroffen. „Am Ende hat sich die Meinung des Chefs durchgesetzt. Aber die Tage dieses Modells sind gezählt“, meint Erik Brynjolfsson, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Künftig würden Erkenntnisse aus Daten die Erfahrung von Managern schrittweise ersetzen, konstatiert er.

Leerer Bürostuhl

Leerer Chefsessel: Geht es nach Wissenschaftlern des Massachusetts Institute of Technology, werden Daten zu den wichtigsten Entscheidungsträgern in Unternehmen. (Foto: picture alliance/APA/picturedesk.com)

Neue Entscheidungsmethode

Big Data gehört für viele Unternehmen aktuell zu den Top-Themen. Die Analyse riesiger Datenbestände soll den künftigen Absatz der Produkte besser vorhersagen als bisher. Doch Big Data reicht über das Marketing hinaus: „Die wahre Revolution findet im Management statt“, sagt der Wissenschaftler voraus, der die ökonomischen Folgen der Datenexplosion untersucht. Die neue Methode der Entscheidungsfindung sei schneller, wissenschaftlich, objektiv und – das sei das Wichtigste – führe zu höherer Produktivität. Eine Studie hat ergeben: Unternehmen, die ihre Entscheidungen auf Basis einer Datenanalyse treffen, sind fünf Prozent produktiver als ihre Wettbewerber. Ihre Profitabilität liegt im Durchschnitt sechs Prozent und ihr Börsenwert 50 Prozent höher als die der Wettbewerber, die auf diese Methoden verzichten.

Sehr gut ließe sich dieser Wandel schon im Buchhandel ablesen: Amazon beispielsweise habe die Branche transformiert. „Früher hat dort die Kultur des Gesprächs geherrscht. Heute dominieren die Zahlen die unternehmerischen Entscheidungen“, sagt Brynjolfsson. Und die Datenanalyse stehe noch ganz am Anfang. In den kommenden Jahren werden voraussichtlich Milliarden neuer Mobiltelefone online gehen. Außerdem könnten in Autos oder Kleidungsstücke verbaute Computerchips künftig viel mehr Daten liefern.

Aber erst wenn die internen Unternehmensdaten mit externen Informationen kombiniert werden, steigt auch die Präzision der Vorhersagen. So geht Hermann Wimmer, der das internationale Geschäft des Daten-Spezialisten Teradata leitet, davon aus, dass in Zukunft die internen Daten nur noch zehn Prozent ausmachen werden. Der Trend gehe dazu, immer mehr externe Daten hinzuzunehmen. Das sei in allen Industrien zu beobachten. 

Hohes Potenzial bei den Versicherungen

Wie groß die Vorteile einer solchen Datenanalyse sein können, zeigt das amerikanische Analyseunternehmen Cargo. Das Unternehmen bringt Daten-Wissenschaftler aus aller Welt zusammen, die in einem Wettbewerb aus der Kombination interner und externer Daten entscheidungsrelevante Informationen generieren. Zum Beispiel aus einer KFZ-Versicherung: Welche Autos waren besonders häufig in Unfälle verwickelt? Welche Fahrer verursachen voraussichtlich einen Schaden an ihrem Fahrzeug? „Innerhalb von drei Monaten haben die Daten-Wissenschaftler die Vorhersagewahrscheinlichkeit für diese Fragen um 340 Prozent erhöht“, sagt der MIT-Professor Brynjolfsson.

Von der Datenanalyse profitieren können auch kleinere und mittlere Unternehmen, die sich über Cloud-Dienste zusammenschließen. „Das gilt zum Beispiel für Kundenbindungsprogramme, die früher nur für Großunternehmen sinnvoll waren“, sagt Michael Chui, der für McKinsey die Effekte von Big Data untersucht. Allzu viel Zeit sollten sich Unternehmen mit dem Beginn einer systematischen Datenanalyse also nicht mehr lassen. „Die Menschen unterschätzen oft den Effekt exponentieller Kurven. Am Anfang ist die Entwicklung langsam und liegt unter den Erwartungen. Aber dann übersteigt die tatsächliche Entwicklung die Erwartung und wächst rasant. Ich denke, diesen Punkt haben wir jetzt erreicht“, sagt Brynjolfsson.

Über den Autor

Der Gastautor auf UP, Holger Schmidt, befasst sich als Journalist seit 15 Jahren mit der digitalen Wirtschaft. Als Chefkorrespondent mit Schwerpunkt Internet schreibt er im FOCUS die wöchentliche Rubrik Web-Wirtschaft und das Netzökonomie-Blog auf FOCUS Online. Zuvor hat er 14 Jahre für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über Web-Themen berichtet. Jahrgang 1966, promovierter Volkswirt.