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18.02.2013
Erdgas- und Erdölförderung per Fracking:  (Foto: picture alliance / landov)

Erdgas- und Erdölförderung per Fracking: (Foto: picture alliance / landov)

Der Erdgassektor ist im Umbruch. Dies ist auf die Förderung von Erdgas aus sogenannten unkonventionellen Lagerstätten zurückzuführen, dessen Förderung durch die Kombination von Fracking-Technologie und Horizontalbohrungen insbesondere in den USA einen Boom erfährt. UP° Nord sprach mit Olaf Martins, Volkswirt bei ExxonMobil, über die Chancen dieser Entwicklung, die Ängste der Menschen und mögliche Konflikte mit erneuerbaren Energien.

Auch hierzulande, wo Erdgas eine wichtige Rolle als Energieträger spielt, ist ein großes Potenzial für Gas aus unkonventionellen Lagerstätten. So wird in Deutschland die mit der neuen Technik gewinnbare Erdgasmenge auf das fünf- bis fünfzehnfache der Reserven aus konventionellen Lagerstätten geschätzt. Das Erdgas kommt in Schiefergestein (Schiefergas), in Kohleschichten (Kohleflözgas)  oder in besonders dichten Sand- und Kalksteinschichten (Tight Gas) vor. Das Unternehmen ExxonMobil, das seit Jahrzehnten Erdgas in Deutschland fördert, betätigt sich auch auf diesem Feld.

UP: Herr Martins, ExxonMobil erstellt jährlich einen Energy Outlook, um die Entwicklung auf den internationalen Energiemärkten abzuschätzen. Womit müssen wir für die nächsten Jahrzehnte rechnen?

Martins: Wir schauen aktuell auf das Jahr 2040. Bis dahin wird die Weltbevölkerung auf neun Milliarden Menschen angestiegen sein. Sie wird trotz deutlicher Effizienzgewinne rund ein Drittel mehr Energie benötigen als wir heute. Und schon heute ist der Energiebedarf beträchtlich: Rechnet man den globalen Energiebedarf nur eines Tages in Erdöl um und füllt dieses in Kesselwagen, dann erhält man einen Zug mit der Länge von etwa 7.000 Kilometern. Und dieser Zug wird jeden Tag rund 200 Meter länger.

Olaf Martins, Volkswirt bei ExxonMobil (Foto: ExxonMobil)

Olaf Martins, Volkswirt bei ExxonMobil (Foto: ExxonMobil)

UP: Wozu brauchen wir eigentlich Gas aus unkonventionellen Lagerstätten, das mit einer teilweise umstrittenen und teuren Technologie gefördert wird?

Martins: Deutschland braucht Erdgas, gerade weil wir im Zuge der Energiewende aus der Kernenergie aussteigen, weil wir zur Stromerzeugung aus Wind- und Solarenergie Back-up Kapazitäten brauchen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, und weil Erdgas bis zu 60% weniger CO2 emittiert als Kohle. Hinzu kommt, dass in Deutschland nahezu jeder zweite Haushalt mit Erdgas heizt. Die aktuelle Suche nach neuen Erdgasvorkommen konzentriert sich auf große Verbraucherländer, d.h. lange Transportwege über Pipelines oder LNG Transporte entfallen, man fördert dicht beim Verbraucher und hat so die Chance wirtschaftlich zu sein. Wenn Sie so wollen: 'Gas is coming home'...

UP: Wie würden Sie persönlich reagieren, wenn in Ihrem Wohnort Schiefergas entdeckt würde?

Martins (lacht): Das wäre mal eine Überraschung, aber im Ernst: Ich würde gelassen reagieren, da Erdgas in Deutschland seit Jahrzehnten sicher gefördert wird und unsere Ingenieure die Technologie beherrschen.

UP: Keine Angst vor Verschmutzung des Wassers durch giftige Chemikalien, vor Lärmbelästigung oder einer Entwertung Ihrer Immobilie?

Martins: Ich glaube, es gibt viele Missverständnisse bei diesen Themen. Die Flüssigkeit zur Förderung des Schiefergases besteht im Wesentlichen aus Wasser und Quarzsand bzw. Keramikkügelchen. Sie wird in einer Tiefe von über 1.000 Meter und damit deutlich unterhalb des nutzbaren Grundwassers eingesetzt. Fügt man dieser Flüssigkeit die chemischen Additive zu, erhält man eine Gesamtflüssigkeit, die weder kennzeichnungspflichtig ist noch ein Gefahrgut darstellt.

UP: Veröffentlichen Sie die eingesetzten chemischen Additive?

Martins: Ja. Viele der Chemikalien sind aus dem Haushalt bekannt. Sie können eine  vollständige Liste der Chemikalien auf unserer Webseite abrufen [www.erdgasfoerderung-in-deutschland.de], wobei wir in Zukunft gerade im Bereich Schiefergas nur noch mit maximal fünf chemischen Zusätzen rechnen. Aber natürlich nehmen wir die Sorgen der Menschen vor den chemischen Additiven ernst und streben daher an, in Zukunft bei Fracs ohne giftige und umweltgefährdende Chemikalien auszukommen.

UP: Und was ist mit der Lärmbelästigung?

Martins: Im Vergleich zu anderen industriellen Tätigkeiten ist die Lärmbelastung gering. Dies gilt insbesondere auch für das Frac-Verfahren selbst. Eine Frac-Maßnahme dauert nur wenige Stunden. Danach können wir unter günstigen Umständen mehrere Jahrzehnte Erdgas fördern. Und auch der Flächenbedarf ist im übrigen weit geringer als häufig angenommen. Dies gilt allemal im Vergleich zur Wind- und Sonnenenergie.

UP: Wie bedeutsam ist die Erdgasförderung in Deutschland?

Martins: Sie ist sehr wichtig. Insgesamt stammen etwa 14 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus heimischer Förderung, meistens aus Niedersachsen. Die hiesige Produktion entspricht etwa der Hälfte der russischen Importe und ist subventionsfrei. Nicht nur das: Allein die Förderabgaben in Niedersachsen beliefen sich in den letzten 10 Jahren auf rund 7 Milliarden Euro. Übrigens: In Deutschland wird seit Jahrzehnten das Hydraulic Fracturing eingesetzt, allerdings bisher überwiegend in konventionellen Lagerstätten. Es gab bisher rund 300 Fracs, die daraus gewonnene Gasmenge steht für ein Drittel der deutschen Förderung. Und das alles ohne einen Umweltschaden.

UP: Und welche Rolle spielt dabei Schiefergas?

Martins: Bisher noch gar keine. Und das ist sehr bedauerlich, denn die konventionelle Förderung geht Jahr für Jahr zurück, womit die Importabhängigkeit von Erdgas aus Russland, Norwegen und den Niederlanden immer mehr steigt. Nachdem mehrere Studien zu dem Ergebnis gekommen sind, dass es keinen Grund gibt, die Methode des Hydraulic Fracturings zu verbieten, bin ich aber zuversichtlich, dass es in Deutschland bald zu ersten Projekten kommen wird.

UP: In den USA ist ein regelrechter Schiefergasboom ausgebrochen. Können Sie sich so etwas für Deutschland auch vorstellen?

Martins: Es ist immer schwer, etwas zu übertragen. Das gilt für die Geologie ebenso wie für die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Das technisch förderbare Schiefergaspotential schätzt die Bundesanstalt für Geowissenschaften auf einer vorläufigen Basis auf 0,7 bis 2,3 Billionen Kubikmeter. Letzteres entspricht nahezu dem 200-fachen der in Deutschland derzeit jährlich geförderten Menge Erdgas.

Die Technologie des Hydraulic Fracturing

Erdgas aus konventionellen Lagerstätten strömt durch den in der Lagerstätte vorhandenen Druck von alleine zum Bohrloch. Im Gegensatz dazu lagert Erdgas aus so genannten unkonventionellen Lagerstätten in Gesteinsformationen mit sehr dichten, kaum durchlässigen Porenräumen, in denen es zumeist nicht frei strömen kann. Diese unkonventionellen Lagerstätten müssen üblicherweise erst mit Druck behandelt werden, bevor das Erdgas in Richtung Bohrloch strömt. Ziel des so genannten Hydraulic Fracturing (kurz "Fracking") ist es, mithilfe von Wasserdruck im erdgasführenden Gestein kleinste Risse zu erzeugen, die dem Gas den Weg zum Bohrloch ermöglichen. Hierzu werden in der erdgasführenden Schicht in circa 1.000 bis 5.000 Meter Tiefe zunächst kleine Löcher in die Bohrlochummantelung eingebracht. Anschließend werden durch das Einpumpen von Frac-Flüssigkeit unter hohem Druck kontrolliert Risse im Gestein erzeugt. Die Risse werden durch Sandkörner oder Keramikkügelchen (Stützmittel) offen gehalten, die im Hydraulic-Fracturing-Gemisch enthalten sind. So kann das Erdgas durch neue Fließwege aus dem Gestein entweichen und durch das Bohrloch an die Oberfläche strömen. Das Gemisch besteht typischerweise zu etwa 95 bis über 99 Prozent aus Wasser und Stützmitteln. Hinzu kommen chemische Zusatzstoffe. Die Chemikalien in der Frac-Flüssigkeit sorgen dafür, dass zum Beispiel Reibung vermindert wird, sich der Sand mit dem Wasser vermischt, keine Bakterien in die Lagerstätte gelangen und sich keine Faulgase bilden. Die konkrete Zusammensetzung der Frac-Flüssigkeit ist von Fall zu Fall unterschiedlich und von den jeweiligen Eigenschaften der Lagerstätte abhängig. Eine Frac-Maßnahme dauert im Regelfall ein bis zwei Stunden. Anschließend kann aus der Bohrung unter günstigen Umständen mehrere Jahrzehnte Erdgas gefördert werden.

Quelle: ExxonMobil, gekürzt und leicht umformuliert durch UP Nord

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