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14.12.2012

Im Interview mit Unternehmer Positionen Nord spricht Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, über die konjunkturellen Erwartungen und seine Prognosen für das Jahr 2013.

Skyline von Peking bei Nacht

Skyline von Peking: In China dürfte die Wirtschaftsleistung im Jahr 2013 um knapp acht Prozent wachsen. (Foto: picture alliance / dpa)

Das Jahr 2012 war von der Eurokrise, einer lahmenden US-Wirtschaft und schwachen Shippingmärkten geprägt – wie wird 2013?
Cyrus de la Rubia: 2013 wird auf jeden Fall besser. Meine Prognose lautet: Die Weltwirtschaft wird sich generell erholen, in China dürfte die Wirtschaftsleistung um sieben Prozent wachsen, für die USA gehen wir von einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von etwa zwei Prozent aus. Und auch die Eurozone dürfte 2013 aus der Rezession, in der sie sich dieses Jahr befunden hat, herauskommen: Wir rechnen mit einem Plus von 0,2 Prozent.

Die nach wie vor schwache Eurozone ist sehr wichtig für den deutschen Export – welche Folgen hat das?
Cyrus de la Rubia: Deutschland wird mit einem Wachstum von 0,9 Prozent Spitzenreiter in der Eurozone bleiben. Aber es stimmt: 40 Prozent der deutschen Exporte gehen in die Eurozone. Allerdings sind wir für unseren wichtigsten Handelspartner – Frankreich – gar nicht so pessimistisch. Das Land hat sich in der Vergangenheit oft als reformfähiger erwiesen, als von vielen gedacht. Ich schätze auch, dass eine sozialistische Regierung einige notwendige Änderungen besser umsetzen kann als eine konservative. Wir rechnen in Frankreich mit einem Wachstum von 0,5 Prozent. Aber noch mal zu den deutschen Ausfuhren: 60 Prozent der Exporte gehen eben in Nicht-Euro-Länder. Und da boomt die Wirtschaft in vielen Staaten. Davon profitiert der deutsche Export.

Weltkarte mit Verteilung des BIP weltweit.

Source: HSH Nordbank Economics & Research

Kann man generell sagen, dass Europa für die deutsche Wirtschaft nach und nach an Bedeutung verliert und andere Regionen dafür wichtiger werden?
Cyrus de la Rubia: Ja, das stimmt auf jeden Fall. Vor zehn Jahren gingen etwa fünf Prozent der deutschen Exporte nach China, heute sind es fast doppelt so viele, Tendenz weiter steigend. Die letzten Wirtschaftsdaten aus China sind ermutigend. Generell werden asiatische Länder wie Indien, Indonesien und Südkorea immer wichtiger, aber auch Länder wie Brasilien und Mexiko gewinnen an Bedeutung.

Welche Risiken sehen Sie für die wirtschaftliche Entwicklung 2013?
Cyrus de la Rubia: Für Europa besteht ein Risiko darin, dass die Europäische Zentralbank nicht entschlossen genug handelt und damit die Märkte verunsichert.

Was meinen Sie damit?
Cyrus de la Rubia: Die Europäische Zentralbank hat ja angekündigt, Staatsanleihen beispielsweise von Spanien zu kaufen, wenn das Land den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) um Hilfe ersucht. Das hat die Märkte ungemein beruhigt. Wenn die EZB aber Angst vor der eigenen Courage bekommt, werden die Investoren wieder zweifeln und das wird die Eurozone erneut destabilisieren. Ein weiteres Risiko ist die Wahl in Italien, deren Ausgang sich auf die Wirtschaftspolitik des Landes auswirken kann.

Und was ist mit den Krisenländern wie Griechenland und Spanien?
Cyrus de la Rubia: Die sind kein allzu großer Risikofaktor mehr. Der griechische Patient bleibt zwar auf der Intensivstation, aber die Medikamente schlagen langsam an. Und Spanien sehe ich ohnehin gelassener. Ich denke, da geht es langsam bergauf. Die Lohnstückkosten sinken, das Land wird wieder wettbewerbsfähiger. Ein gutes Beispiel dafür: Der Lkw-Hersteller Iveco eröffnet dort ein neues, großes Werk. Spanien ist der zweitgrößte Automobilhersteller in Europa, das Land hat – anders als Griechenland – eine recht solide industrielle Basis.

Was ist mit der politischen Unsicherheit im Nahen Osten, aber auch im Iran?
Cyrus de la Rubia: Wenn es in einem ölreichen Land zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt, dann hat das unmittelbare Folgen für den Ölpreis. Und wenn der steigt, hat das natürlich negative Folgen auf die Weltwirtschaft. Beispielsweise gehen frühere Schätzungen davon aus, dass ein dauerhafter Anstieg des Ölpreises um zehn US-Dollar im ersten und zweiten Jahr zu einer Wachstumseinbuße von jeweils 0,5 Prozentpunkten führt.
Das Risiko ist nicht zu unterschätzen, gleichwohl muss man aber wissen, dass beispielsweise die USA ihre eigene Ölproduktion in den vergangenen Jahren deutlich erhöht haben und dadurch unabhängiger geworden sind.

Dr. Cyrus de la Rubia

Zur Person: Dr. Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Märkte mit Liquidität. Wird 2013 das Jahr der großen Geldentwertung?
Cyrus de la Rubia: Schwierige Frage. Klar ist, dass diese Liquiditätsmaßnahmen die Geldwertstabilität bedrohen, auch weil dadurch die Rohstoffpreise steigen können. Es gibt einfach zu viel Liquidität, die nach Anlagemöglichkeiten sucht. Ich denke, es ist nicht die Frage, ob wir eine Inflation bekommen, sondern nur wann. Ich gehe davon aus, dass wir 2013 in Deutschland eine Inflationsrate von etwas über zwei Prozent haben werden. Das ist gut verkraftbar.