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„Software in Unternehmen wird wie Facebook aussehen“

09.10.2012

Weniger E-Mails, aber bessere Informationen, weniger Meetings, aber zufriedenere Kunden: Eine offene und vernetzte Kommunikation – wie sie in sozialen Netzwerken bestens funktioniert – kann auch die Produktivität in Unternehmen spürbar erhöhen.

Firmensitz des Unternehmens salesforce.com. Innovative Software für Unternehemen.

Erfolg statt Software – das verspricht Marc Benioff mit Dienstleistungen seines Unternehmens salesforce.com. (Foto: picture-alliance / dpa)

Marc Benioff, dem Gründer des Softwareunternehmens Salesforce.com, kann man einen Hang zur Größe nicht absprechen. Gleich 90.000 Besucher kamen zu seiner Hausmesse Dreamforce, machten die Veranstaltung in San Francisco zur meistbesuchten IT-Messe der Welt. Seht her, wir sind die Größten, sogar größer als Oracle oder SAP, lautete die Botschaft Benioffs. Wichtiger war ihm aber die Verkündung eines Paradigmenwechsels: Wenn Milliarden Internetnutzer ihre Kommunikation in die sozialen Netzwerke verlagern, dann tun auch Unternehmen gut daran, diese Prinzipien einer offenen und vernetzten Kommunikation für sich zu nutzen.

„Software in Unternehmen wird künftig wie Facebook aussehen“, sagt Benioff, der schon einmal eine große Wette gewonnen hat. Vor 13 Jahren, bei der Gründung, richtete er Salesforce konsequent auf das Cloud Computing aus. Heute erzielt das Unternehmen drei Milliarden Dollar Umsatz mit seinen Diensten aus der Wolke und alle Branchengrößen von Microsoft über SAP und Oracle mussten auf den Zug aufspringen. Für sein Ziel, die Umsatzmarke von zehn Milliarden Dollar zu knacken, startet Benioff nun die zweite Wachstumsstufe: das soziale und vernetzte Unternehmen.

Ein neues Kommunikationsprodukt wird zum Motor von Unternehmen

Vorbei soll die Zeit sein, in der wertvolle Informationen in den E-Mail-Postfächern der Kollegen eingeschlossen sind, in der unzählige bilaterale Unterhaltungen mühsam zu einem Gesamtergebnis verknüpft werden müssen. „Chatter“ heisst das Kommunikationsprodukt, das zum „Motor des Unternehmens“ werde, verspricht Benioff. Dort wird kommuniziert, werden Dokumente geteilt, Informationen verbreitet, Projektteams eingerichtet. Mitarbeiter können kommentieren und anderen Kollegen oder Dashboards wie auf Twitter „folgen“. Rund 170.000 Chatter-Netzwerke in aller Welt sind schon im Einsatz, sollen den Zugang zu Informationen um durchschnittlich 39 Prozent verbessert und die Zahl der Meetings um 25 Prozent gesenkt haben.

Doch Chatter soll auch nach außen wirken. Wo immer sich ein Kunde im Social Web – sei es auf Facebook, Twitter oder in einem Forum – über das Unternehmen oder seine Produkte äußert, taucht dies auch in Chatter auf, denn eine schnelle, direkte und persönliche Reaktion ist die beste Antwort. Sir Richard Branson, der Chef der Fluglinie Virgin, demonstrierte auf der Dreamforce, wie weit dies gehen kann. Ist ein Flug verspätet, kümmern sich die Mitarbeiter am Boden um die Anschlussverbindungen der Passagiere und senden die Informationen direkt auf die Bildschirme der Sitzplätze. Dass man dafür allerdings die Twitter-Profile der Passagiere checken muss, um ihre Pläne am Zielort zu erfahren, könnte den Datenschutz-sensiblen Deutschen allerdings etwas zu weit gehen.

General Motors, Nestlé und Dell nutzen die neue Software schon

Salesforce hat seine Software nach diesen Prinzipien in den vergangenen beiden Jahren neu aufgebaut. Marketing, Vertrieb, CRM und sogar Teile des Personalmanagements lassen sich auf diese Weise organisieren. 100.000 Unternehmen haben diese Systeme inzwischen im Einsatz, von Konzernen wie GM, Nestlé oder Dell bis zu Facebook oder Square, dem neuen Start-up des Twitter-Gründers Jack Dorsey. Die Kunden sind im Social Web, die Mitarbeiter sind es auch. Dass Unternehmen nun auch „social“ werden, ist die zweite große Wette von Marc Benioff. An der Börse werden hohe Beträge auf ihn gesetzt: Der Aktienkurs hat seit Anfang 2009 gut 700 Prozent zugelegt und befindet sich auf einem Allzeithoch.

Der Gastautor Holger Schmidt im Portrait. Schmidt befasst sich als Journalist seit 15 Jahren mit der digitalen Wirtschaft.

Über den Autor

Der Gastautor auf UP, Holger Schmidt, befasst sich als Journalist seit 15 Jahren mit der digitalen Wirtschaft. Als Chefkorrespondent mit Schwerpunkt Internet schreibt er im FOCUS die wöchentliche Seite Web-Wirtschaft und das Netzökonomie-Blog auf FOCUS Online. Zuvor hat er 14 Jahre für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über die digitale Wirtschaft berichtet. Holger Schmidt, Jahrgang 1966, ist promovierter Volkswirt.