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04.06.2012

Was macht ein Unternehmen so stark, dass es Jahrhunderte überdauert? Antworten ergeben sich aus der Geschichte traditionsreicher Unternehmer im Norden. Dazu gehören Weltkonzerne ebenso wie Nischenanbieter. In zweiten Teil der Reihe „Unternehmen mit Tradition“ stellen wir Ihnen vier eindrucksvolle Beispiele aus den Bereichen Kosmetik, Container, Metallverarbeitung und Lebensrettung vor.

Beiersdorf – anno 1882

Die im Jahr 1911 auf den Markt gekommene Hautpflegecreme NIVEA Creme ist das bekannteste Produkt der Beiersdorf AG. (Foto: picture alliance / dpa)

Es dürfte eine der besten Ideen gewesen sein, die je ein Apotheker hatte: Paul C. Beiersdorf tüftelt, klebt und schnippelt monatelang in seinem kleinen Labor, bis er im März 1882 sein Ziel erreicht – und die Patenturkunde für die Herstellung der „Guttapercha-Pflastermulle“ erhält. Die Mulle aus der Fabrik dermotherapeutischer Präparate in Altona sind ein Verkaufsschlager, stetig weiterentwickelt und kommen 40 Jahre später als Hansaplast und Leukoplast in den Verkauf. Da sind Eucerin, gewonnen aus dem Wollfett von Schafen, und die Wasser-in-Öl-Emulsion Nivea sowie der Labello aus dem gleichen Haus bereits weltweit bekannte Produkte, exportiert in mehr als 40 Länder. Im Juni 1922 wird das prosperierende Unternehmen mit dem neuen Namen Beiersdorf versehen, zur AG umgebaut und ist sieben Jahre später an der Hamburger Börse notiert.

Wer die Aktie lange hielt, wurde – auch wegen des Erfolgs des 1936 marktreifen Tesa-Klebestreifens – mit enormen Wertsteigerungen belohnt. Allein seit 1988 kletterte das Papier von drei auf heute mehr als 40 Euro. Ein schlagender Beleg für gelungenes Marketing und dafür, dass es sich auszahlen kann, aus guten Marken Markenfamilien zu züchten. Die Beiersdorf-Marke, mit der dies am besten gelang, ist Nivea (vom lateinischen „nivis“, Schnee, wegen der Farbe der Creme). Rasierschaum, Sonnencreme, Deodorants und Booster, die Augenringe verschwinden lassen sollen, tragen den weißen Schriftzug auf blauem Grund und gedeihen unter diesem traditionsreichen Wappen der Produktfamilie.

Die Rechte an der Marke Nivea wurden von 1941 an in fast allen Ländern, mit denen sich Deutschland im Krieg befand, kassiert. Beiersdorf jedoch begann in den 50er-Jahren zügig und beharrlich, sich die Markenrechte rund um den Globus wieder zurückzukaufen. Über die Preise schweigt das Unternehmen, das heute 18.000 Mitarbeiter zählt. Die Ausgaben dürften sich aber für das weltweit führende Unternehmen in der Hautpflege gelohnt haben.

Hamburger Hafen und Logistik AG – anno 1885

Der Containerumschlag der Hamburger Hafen und Logistik AG beeindruckt mit einem Plus. (Foto: picture alliance / dpa)

Der Hamburger Senat und Kaufleute der Hansestadt gründeten am 7. März 1885 die Hamburger Freihafen-Lagerhaus-Gesellschaft (HFLG) und errichteten mit der bis heute erhaltenen Speicherstadt in den Folgejahren das damals größte Logistikzentrum der Welt. 1914 belegte Hamburg hinter London und New York Platz drei im Ranking der größten Häfen. 1935 kam die Staatliche Kaiverwaltung unter das Dach der HFLG, einige Jahre später wurde der Name in Hamburger Hafen- und Lagerhausgesellschaft geändert. Die Abkürzung HHLA ist geblieben und prangt weithin sichtbar an den Verwaltungsgebäuden, 2005 änderte man aber den Namen hinter den vier Buchstaben in Hamburger Hafen und Logistik AG. 2007 wurde die HHLA an die Börse gebracht, 32 Prozent des Unternehmens sind heute in Streubesitz, der Rest gehört weiterhin der Stadt Hamburg, die für das Gedeihen eines ihrer wichtigsten Wirtschaftszugpferde über Jahrzehnte sorgte.

So auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als in beeindruckender Geschwindigkeit zwei Drittel der Lagerhäuser wieder aufgebaut wurden, die von Bomben und Feuern zerstört worden waren.

Der HHLA-Aktienkurs schwankt seit drei Jahren in einer Spanne zwischen 20 und 35 Euro. Verglichen mit dem Emissionskurs von mehr als 60 Euro, sind das enttäuschende Werte, begründet unter anderem mit der Entwicklung der weltweiten Warenströme und einer starken Konkurrenz durch die Häfen Rotterdam, Antwerpen und Bremen. Und doch ist die Elbe zukunftsträchtig, da sie erstens als Handelsstrom auch für große Frachter und Tanker geeignet ist – wenngleich der Fluss derzeit „nachgebessert“ beziehungsweise die Fahrrinne vertieft werden muss, damit die modernen ausladenden Schiffe zügig an die Kaikante kommen. Zweitens ist das Hinterland logistisch über die Jahrzehnte so erschlossen, dass Hamburg mit weitem Abstand das bedeutendste Drehkreuz für den internationalen Warenverkehr in Deutschland bietet.

Im Jahr 2011 beeindruckte die HHLA jedenfalls mit einem Plus beim Containerumschlag von 21,3 Prozent im Jahresvergleich und überschritt damit die Marke von sieben Millionen Boxen. Der Umsatz wuchs um 14 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. Der HHLA-Vorstandsvorsitzende Klaus-Dieter Peters zeigte sich sehr zufrieden mit den Zahlen und setzte der HHLA zum Ziel, in diesem Jahr schneller zu wachsen als der Markt.

Fehrmann Metallverarbeitung – anno 1895

Bullauge auf einem Kreuzfahrtschiff – hochwertige Schiffsfenster sind die Nische der Fehrmann Metallverarbeitung. (Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Klein)

Welche Fenster müssen mehr Witterungsschwankungen als alle anderen trotzen und dürfen weder einen Windhauch noch Tröpfchen eines Schlagregens ins Innere lassen? Die Antwort lautet „Bullaugen“, wobei Uwe Fehrmann und seinem Sohn, Diplom-Ingenieur Henning Fehrmann, der weiter gefasste Fachausdruck „Schiffsfenster“ lieber ist.

Für diese aufwendig abgedichteten Scheiben, deren Qualität und Zuverlässigkeit für den Schiffsbetrieb eminent wichtig sind, zahlen die Kunden gerne zwar nicht jeden, aber doch einen angemessenen Preis. Eine gute Erfahrung, die der Großvater des heute 73-jährigen Uwe Fehrmann schon im Jahr 1902 machen durfte. Begonnen hatte er sieben Jahre zuvor mit Metallgussprodukten für die maritime Industrie, doch dann erwuchs ihm bei Blohm + Voss übermächtige Konkurrenz. Fehrmann fand in der Herstellung hochwertiger Schiffsfenster seine Nische. Mittlerweile verlassen sich Luxusjachtbesitzer rund um den Erdball auf die fehrmannschen Fenster, made in Hamburg-Wilhelmsburg. Etwa 50 Ingenieure und Facharbeiter arbeiten in dem Betrieb in der Nähe des Hamburger Hafens. Spezialaufträge, die individuelle, aufwendige Lösungen brauchen, sind ihr Steckenpferd. Sich auf Erfahrung und Know-how seiner Crew verlassend, nimmt Fehrmann häufig Aufträge an, bei denen Mitbewerber abwinken.

Die Erkenntnisse aus dem Schiffbau wendet Fehrmann auch in anderen Industriebereichen wie dem Maschinen-, Fahrzeug- und Hochbau an. So stammen einige Spezialfenster der Elbphilharmonie aus dem Unternehmen „um die Ecke“, auch für die Petri-Kirche, den Michel und den Fernsehturm am Berliner Alexanderplatz wurde schon produziert.

Die jahrhundertlange Erfolgsgeschichte des Familienunternehmens erntet in der Branche Respekt: Im vergangenen Sommer erhielt Fehrmann Metallverarbeitung die Auszeichnung Unternehmer des Jahres von den Verbänden Die Familienunternehmer, Die jungen Unternehmer und der Tageszeitung DIE WELT.

Paul Merten Seepilz Rettungsmittel – anno 1896

Ralf-Thomas Rapp, Geschäftsführer der Firma Paul Merten Seepilz Rettungsmittel. (Foto: picture-alliance/ dpa9

Einen Seepilz kennt die Meeresbiologie im Unterschied zur Pilzkoralle nicht, aber ein im Wasser treibender, rot-weißer Ring erinnert zumindest an einen Fliegenpilz. Vielleicht hat dieses Bild bei der Unternehmensgründung in Rellingen im Jahr 1896 eine Rolle gespielt?

Bis heute wird der Seepilz-Rettungsring in Handarbeit genäht, mit Styropor gestopft, versiegelt und mit knallroter Farbe gepinselt, bis er die Bahrenfelder Werkstatt von Geschäftsführer Ralf-Thomas Rapp verlässt.

Die guten runden Stücke konventioneller Machart kosten etwa 100 Euro und sind damit teurer als die orangefarbene Konkurrenz aus Asien. Aber die Ringe finden immer noch Käufer. Beispielsweise Segler mit Liebe zum Detail oder auch Fußballfans, die Spezialanfertigungen in den Farben ihres Lieblingsvereins bestellen.

Dennoch: Um die Nachfrage aus der Industrie zu bedienen, handelt Seepilz auch mit importierten „Riesenkringeln“ aus Asien. Und schließlich ist die Marke nur ein Bereich des mittlerweile umfangreichen Angebots an verschiedenen Rettungsmitteln für die Seefahrt: Durch Unternehmenszusammenschlüsse hat sich Seepilz zu einer weltweit agierenden Adresse, der Survitec Service & Distribution, entwickelt. Dem lebensrettenden, kreisrunden Ankerprodukt, das Leonardo da Vinci im 16. Jahrhundert erfand, haben sich bis heute bei Seepilz Rettungsinseln, Rettungswesten, -boote, -lichter und -tragen, Feuerlöscher sowie Überlebensanzüge hinzugesellt: Die komplette Sicherheitsausrüstung eines Schiffs kann Seepilz heute zusammenstellen.

Das Unternehmen hat in den vergangenen 116 Jahren einen unternehmerischen Pfad beschritten, der kennzeichnend ist für viele langjährige Erfolgsstorys: Um einen guten Namen und ein qualitativ anerkanntes Kernprodukt herum werden verwandte Produkte entwickelt und angeboten – so entstehen oft auch Paketlösungen, die von den Kunden akzeptiert und nachgefragt werden.