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Die Hälfte aller Unternehmen in Deutschland will mit den sozialen Medien nichts zu tun haben. Dabei trifft inzwischen eine ganze Generation ihre Entscheidungen dort – über Produkte und künftige Arbeitgeber.

Ob Google+, Facebook oder Twitter: Immer mehr Kunden treffen ihre Entscheidungen online. (Foto: dpa/picture alliance)

„Facebook und Twitter – das ist nichts für uns.“ So denken viele Unternehmen. Sicher können Firmen auf Facebook nur wenige Fans für Industriegase oder Windräder begeistern, nicht wie Franz Beckenbauer über Nacht auf Twitter Zehntausende Follower gewinnen. Und wer ein Corporate-Blog schreibt, dem rennen neue Kunden nicht postwendend die Tür ein. Denn der Return on Investment eines guten Social-Media-Engagements stellt sich erst langfristig ein. Dafür aber umso nachhaltiger. Weil die Gespräche der Kunden über Unternehmen und ihre Produkte unweigerlich ins Internet wandern, immer häufiger in Blogs, Foren, auf Facebook oder Twitter geführt werden.

Die Party findet dort statt, angefeuert von der Generation der „Digital Natives“, die mit sozialen Medien aufwachsen. Sie treffen relevante Entscheidungen online. Nicht nur über Produkte, die sie kaufen wollen, sondern auch über Unternehmen, für die sie arbeiten wollen. Dieser Wandel ist auch den Unternehmenslenkern nicht verborgen geblieben. 62 Prozent der Entscheider in Deutschlands Unternehmen erwarten daher eine steigende Bedeutung sozialer Medien für ihren Betrieb. Unter den Großunternehmen vertreten sogar 89 Prozent diese Ansicht, hat eine Repräsentativbefragung des IT-Verbands BITKOM unter Firmen aller Größen in Deutschland ergeben.

Quelle: Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.; Studie "Social Media in deutschen Unternehmen"

Social-Media-Nutzer wollen keine Werbung sehen

Wer im Netz Aufmerksamkeit und Anerkennung will, muss sie sich verdienen, zunächst etwas geben, statt zu nehmen. Aber nicht das obligatorische iPad-Gewinnspiel. Auch laute Werbebotschaften will dort niemand hören. „Die Nutzer wollen in sozialen Netzwerken keine Werbung sehen“, sagt selbst Werbepapst Amir Kassaei. Soziale Netzwerke seien ein Feedbackkanal. „Hört auf, ständig über Zielgruppen zu reden, denen man etwas verkaufen muss. Behandelt eure Kunden endlich so wie eure besten Freunde“, rät Kassaei. Und den besten Freunden gibt man – zum Beispiel Informationen oder Einblicke ins Unternehmen. All das muss geschehen, bevor man sich das Feedback zu Produkten holen kann und bevor Internetnutzer so etwas wie Markenbotschafter werden.

Unternehmen müssen in der neuen Welt noch ankommen

Ansatzpunkte für Social Media gibt es genügend. Ein Unternehmens-Blog eignet sich hervorragend, um das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter aufzuschreiben. Das Know-how kann anderen Menschen und Unternehmen helfen – und sie auf diese Weise zu Kunden machen. Und nebenbei auch mehr Besucher von Google herüberlotsen, denn gute Inhalte mag die Suchmaschine immer. Wer die breite Masse sucht, kommt an Facebook nicht vorbei, wo die deutschen Onliner etwa ein Fünftel ihrer Zeit verbringen. Twitter ist das Instrument, um Unternehmen zu hilfreichen Infolieferanten zu machen. Google verknüpft sein soziales Netzwerk Google+ eng mit seiner Suchmaschine, belohnt also Engagement mit mehr Sichtbarkeit in der Trefferliste. Und Pinterest heißt der Geheimtipp für Onlineshops, die auf die Kraft der Bilder bauen. Die Kunden sind schon da. Die Unternehmen müssen in dieser neuen Welt erst noch ankommen.

Über den Autor

Der neue Gastautor auf UP, Holger Schmidt, befasst sich als Journalist seit 15 Jahren mit der digitalen Wirtschaft. Als Chefkorrespondent mit Schwerpunkt Internet schreibt er im FOCUS die wöchentliche Seite Web-Wirtschaft und das Netzökonomie-Blog auf FOCUS Online. Zuvor hat er 14 Jahre für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über die digitale Wirtschaft berichtet. Holger Schmidt, Jahrgang 1966, ist promovierter Volkswirt.

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