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26.04.2012

Was braucht die Welt auch noch in hundert Jahren? Die Rückschau auf traditionsreiche Unternehmen in Norddeutschland zeigt: Mit Schmuck, Bier und Kupfer beispielsweise waren zumindest in den vergangenen Jahrzehnten gute Geschäfte zu machen.

Die Anzahl der hundert plus x Jahre alten Unternehmen ist überschaubar. Zumeist haben sich die Firmen auf das Wesentliche beschränkt: Sie bieten vom Zeitgeist unabhängige Dienstleistungen feil oder Produkte, die nicht aus der Mode kommen.

D. H. W. Schultz & Sohn GmbH - anno 1726

Die grünen Kupferdächer gehören zum Hamburger Stadtbild, hier das Dach des Hamburger Rathauses. (Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Falkenstein)

Wenn es ein Dachdecker gut meint mit einem Dach, greift er heute wie vor hundert Jahren zu Kupfer, einem biegsamen, witterungsresistenten Metall, das sich gut treiben oder dengeln lässt, wie der Fachmann sagt. D.H.W. Schultz, 1726 als „Bleydecker-Gewerbe“ in Altona gegründet, hat sich auf Reparaturarbeiten an Kupferdächern spezialisiert. Fast jedes Hamburger Kirchendach hat über die Jahrzehnte vom hellen Kupferrot über Dunkelbraun zur hellgrünen schützenden Patina gefunden. Aber auch moderne Bauten ziert das „rote Gold“. Die Umsätze des sich auch heute noch in Familienbesitz befindlichen Unternehmens liegen im einstelligen Millionenbereich, die Mitarbeiterzahl liegt bei wenigen Dutzend. Der Betrieb ist jedoch wetterfest und sturmerprobt, in luftiger Höhe halten die Kupferplatten, was die Handwerker dem Bauherrn versprachen: Das Dach trotzt den Belastungen für viele Jahrzehnte, ohne weitere Pflege. Doch sind Ausbesserungen oder Erneuerungen notwendig, sind die Kupferexperten von D.H.W. Schulz seit nunmehr knapp 300 Jahren auf Hamburgs Dächern unterwegs.

Aurubis AG – anno 1783

Beim Hamburger Kupferkonzern Aurubis AG: Ein Mitarbeiter kontrolliert eine Gießform. (Foto: picture alliance / dpa)

Kupfer kann aber noch mehr. Strom leiten, beispielsweise. Womit schon eine Grundbedingung für das Gedeihen eines weiteren Hamburger Traditionsunternehmens genannt ist. Im Hamburger Kaufmannsalmanach ist „Beit, Marcus und Salomon Gold- und Silberscheider“ in der Elbstraße als Vorgänger mit dem Gründungsjahr 1783 zu finden. Aurubis (das „rote Gold“, Kunstwort aus den beiden lateinischen Wörtern „aurum“ und „rubens“) beliefert heute aus seinen Produktionshallen auf der Peute Kunden aus der Elektroindustrie ebenso wie Chemie-, Auto- oder eben auch Bauunternehmen. Aurubis produziert in Hamburg und einem Werk im bulgarischen Pirdop heute mehr als zwei Millionen Tonnen Kupfer pro Jahr. Während ein Gutteil davon durch Recycling entsteht (der Konzern ist darin weltweit die Nummer eins), besitzt Aurubis auch einige Erzhütten, ist international an 18 Standorten tätig und zählt mehr als 6.000 Mitarbeiter. Die Aktie der „Norddeutschen Affinerie“, wie Aurubis 1866 bis 2008 hieß, kletterte mit einer beachtlichen Krisenresistenz seit dem Börsengang 1998 von 12,50 auf heute mehr als 40 Euro.

Brahmfeld & Gutruf – anno 1743

Topmodel Franziska Knuppe auf der Wiedereröffnung von Brahmfeld & Gutruf in Hamburg im November 2010. (Foto: picture alliance / Jazzarchiv)

Auch die Wurzeln des ältesten Juweliergeschäfts Deutschlands liegen in Hamburg. Brahmfeld & Gutruf, lange Zeit am Jungfernstieg gelegen (seit 1850, zuvor in der ABC-Straße), ist heute am Neuen Wall zu finden. Zwar wird das Geschäft nicht mehr von Nachfahren Hinrich Brahmfelds geführt, aber was dieser als 26-Jähriger auf die Beine stellte, wirkte – in finanzieller Hinsicht – positiv für einige Familiengenerationen. Und das, obschon bereits die erste Generation der Nachfolger aus neun Söhnen und Töchter Brahmfelds bestand. Ausgelernter Goldschmied zu sein galt im Jahre 1743 viel und Brahmfelds besonderes Geschick in der Metallveredelung mit Hammer, Zange und Feuer brachte ihm Aufträge auch aus dem Ausland. So orderte beispielsweise der russische Zar 300 Silberstücke für die Rüstkammer des Kremls. Eduard Gutruf stieß in der dritten Generation als Angeheirateter an die Spitze des Unternehmens und importierte als einer der ersten Deutschen Diamanten aus Südafrika.

Dithmarscher Privatbrauerei – anno 1775

Der Geschäftsführer der Dithmarscher Brauerei, Walter Schmidt, auf der Grünen Woche in Berlin. (Foto: picture alliance/dpa)

Karl Hintz gründete die Privatbrauerei offiziell 1884. Doch schon 99 Jahre vorher gab es eine Braustätte, auf deren Basis Hintz seine Firma gründete. Zunächst wurde nur in kleinem regionalem Verbreitungskreis verköstigt, da Lindes Erfindung der Kühlmaschine noch bevorstand. Hundert Jahre später geriet das Unternehmen in schwere See, ein zu schnelles Wachstum machte den Dithmarschern zu schaffen. Auf der Einkaufsseite fraßen nicht Hopfen und Malz, sondern Plastik- und Glaskosten die Gewinne auf. Der Leergutkreislauf musste mit immer größeren Tranchen an etikettierten Flaschen und Kästen in Schwung gehalten werden, der Preiswettbewerb tat ein Übriges. Die Nachfahren von Hintz zogen sich aus dem operativen Geschäft zurück, der heutige Geschäftsführer Walter Schmidt entschied, dass ein moderates Wachstum von zwei bis vier Prozent jährlich für sein Unternehmen ausreichend sei. Trotzdem waren es in den vergangenen Jahren dann doch mal acht Prozent, obwohl das Unternehmen nicht mit Marketingkampagnen auffällt und nach eigener Aussage konservativ wirtschaftet. 

Das richtige Produkt gekoppelt mit bodenständigem Handeln, Weitsicht und ohne die Absicht, den Gewinn kurzfristig zum maximieren scheint eine zentrale Erfolgsformel für alle zu sein, die ein Unternehmen lange am Leben halten wollen.

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